Kolumne

oder: Auch "falscher" Entwickler kann "richtige" Ergebnisse liefern


Thomas Wollstein
November 2001


Die Begriffe "richtig" und "falsch" gibt es in Geschmacksfragen und in Bezug auf künstlerische Ausdrucksformen nicht, oder sie haben zumindest nur eine sehr relative Bedeutung. Gäbe es den besten Entwickler und/oder das "beste" Papier, so würden wir alle damit arbeiten. Das würde zwar manchen Glaubensdisput in Internetforen beenden, wäre auf der anderen Seite aber auch schade, denn unsere kreativen Ausdrucksmöglichkeiten wären stark eingeschränkt. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen eine Technik vorstellen, bei der man die interessanten Ergebnisse gerade durch die Verwendung eines "falschen", d. h. eines für einen anderen Verwendungszweck gedachten Entwicklers erzielt.

Der klassische Lith-Entwickler ist ein höchst aktiver, geradezu aggressiver, kontraststeigernd arbeitender Entwickler auf Hydrochinonbasis, der primär dazu formuliert ist, grafische Filme in Maschinen zu purem Schwarz-Weiß-Kontrast zu entwickeln. Aber ähnlich wie man am Bau einen Schraubenschlüssel als Schlagwerkzeug benutzt, wenn kein Hammer zur Hand ist, lässt sich auch Lith-Entwickler für die bildmäßige Fotografie einsetzen, und zwar nicht nur als Notbehelf, sondern geradezu als ein die Ausdrucksmöglichkeiten monochromer Fotografie fantastisch erweiterndes Werkzeug.

Der Einstieg (in die Sucht?)
Der Einstieg ins Lith-Printing - und damit vielleicht in die Sucht - ist einfach getan. Sie benötigen dazu außer Ihren üblichen Duka-Utensilien nur die folgenden Zutaten:

  • geeignetes Papier (eine Liste geeigneter Sorten finden Sie in Tabelle 1 am Ende des Artikels),
  • Lith-Entwickler (siehe Tabelle 2) sowie
  • etwas Geduld und gute Nerven.

Gibt der Hersteller keine Tipps für das Lith-Verfahren, empfehle ich Ihnen, mit einem gegenüber normaler Anwendung um den Faktor zwei bis vier stärker verdünnten Entwickler anzufangen, also bei Normalverdünnung 1+4 vielleicht mit 1+10.

Ihr erster Lith-Print
Der Weg zu Ihrem ersten Lith-Print beginnt auf ganz konventionelle Weise:

  1. Bestimmen Sie für das verwendete Papier mittels eines in normalem Entwickler entwickelten Probestreifens durch Belichtungsmessung oder ganz einfach aus Erfahrungswerten die Zeit, bei der die Lichter vernünftig durchgezeichnet sind. Wenn die Schatten dabei absaufen, macht das nichts. Achten Sie auch nicht auf die Gradation, sie spielt keine wesentliche Rolle. Wenn Sie also Gradationswandelpapier verwenden, lassen Sie die Filter weg. Die Belichtungszeiten werden auch ohne sie lange genug, dann
  2. belichten Sie für das Lith-Bild ein Blatt mit Überbelichtung um 2 bis 3 Blenden (das heißt mit dem 4- bis 8fachen der nach (1) bestimmten Belichtungszeit).
  3. Schieben Sie das Bild - Schicht nach oben - in den Entwickler und gedulden Sie sich, wobei Sie gelegentlich, z. B. alle 10 s der Entwicklerschale einen leichten Schubs geben oder eine Seite leicht anheben und wieder absetzen, um für die nötige Bewegung zu sorgen. Dabei ist es ganz günstig, wenn Sie nicht immer dieselbe Ecke der Schale anheben, denn eine Vorzugsrichtung bei der Bewegung kann sich in Form eines Musters auf dem fertigen Bild wiederfinden.
  4. Nach einiger Zeit (wenn Sie hoch verdünnten Entwickler benutzen, haben Sie inzwischen vermutlich in Gedanken alle Fehlermöglichkeiten erwogen, z. B. Rotfilter vergessen, falsche Papierseite belichtet, Entwickler falsch angesetzt usf.) sehen Sie zarteste Spuren eines Bildes entstehen. Während man von frischem konventionellem Entwickler vielleicht eine Bildspurzeit von 30 s bis 1 min gewohnt ist, sind beim Lith-Printing mit stark verdünntem Entwickler (s. u.) Zeiten von 3 bis 8 Minuten - wohlgemerkt Bildspurzeit, nicht Entwicklungszeit - nicht selten. Lassen Sie sich durch die anfänglich langsame Entwicklung nicht täuschen. Das Tempo beschleunigt sich exponenziell und zudem nicht in allen Tonwerten gleichermaßen. Gegen Ende der Entwicklungszeit können je nach Entwicklerverdünnung ein paar Sekunden den Unterschied zwischen Galerie und Mülleimer ausmachen. Widerstehen Sie also auch der Versuchung, während der langweiligen Wartezeit etwas zu tun, das Sie ablenkt. (Siehe aber auch Sicherheitshinweis weiter unten.)
  5. Während das Bild sich anfänglich langsam, dann aber zunehmend rapide verdichtet, achten Sie besonders auf die Schatten. Wenn diese "richtig" erscheinen, z. B. wenn das erste richtige Schwarz (Schwärzer geht's nimmer) auftaucht, packen Sie das Papier beherzt am Rand, ziehen es schwungvoll aus dem Entwickler und befördern es so schnell wie möglich in das frisch angesetzte Stoppbad. "So schnell wie möglich" beinhaltet hier, dass Sie nicht warten, bis der Entwickler hinreichend abgetropft ist, denn Sie müssen die rapide fortschreitende Entwicklung in den Schatten abbrechen, bevor diese zulaufen. Aus demselben Grund empfiehlt sich frisches Stoppbad, da einerseits der Entwickler stark alkalisch ist, andererseits größere Mengen als sonst verschleppt werden und trotzdem eine schnelle und zuverlässige Wirkung verlangt wird. Sie werden im Laufe der Zeit Erfahrungen sammeln müssen, um den richtigen Zeitpunkt treffsicher zu finden, denn je nach Entwicklerverdünnung schreitet die Entwicklung auch in der kurzen Zeit zwischen dem Herausnehmen aus dem Entwickler und dem Abbruch durch das Stoppbad merkbar fort.

    Tipp: Sollte Ihnen einmal ein Bild etwas zu dunkel geraten sein, werfen Sie es nicht gleich weg. Oft können Sie es mit Bleichbad noch retten. Für das Bleichbad können Sie das in meinem Artikel über das Tonen beschriebene, selbst anzusetzende Bleichbad für Schwefeltoner nutzen (siehe [5]) oder solches aus einem Tonerkit. Separates Bleichbad (das aber mit dem Toner-Bleichbad identisch ist) gibt es m. W. nur von Labor Partner (Best.Nr. LPH51A).
  6. Fixieren, wässern und trocknen Sie wie sonst auch.
  7. Herzlichen Glückwunsch. Sie haben Ihren ersten Lith-Print erzeugt!

Hintergrundinformationen und Beispielbilder
Wenn es Ihnen so geht wie mir, sind Sie jetzt schon "süchtig". Nun also ein paar Informationen zum Verfahren und ein paar Beispielbilder, die den enormen Spielraum des Verfahrens illustrieren sollen.

Für seine eigentliche Anwendung, die Entwicklung grafischer Filme, wird der klassische Lith-Entwickler typischerweise 1+4 verdünnt. Die typischen Effekte des Lith-Printings kommen allerdings erst mit wesentlich höheren Verdünnungen, typischerweise 1+9 bis 1+20 zum Tragen. Die Entwicklungszeiten sind meist recht lange, teilweise 15 min und auch mehr. Es gibt eine Reihe von Gründen, den klassischen Lith-Entwickler so stark zu verdünnen:

  • Lith-Entwickler setzen Formaldehyd frei, bei hohen Konzentrationen mehr als bei geringeren. Formaldehyd reizt Schleimhäute und Atemwege und ist hochgradig ungesund!

totenkopf

Sicherheitshinweis:
Lith-Entwickler enthält para-Formaldehyd, der bei höheren Temperaturen als Formaldehyd ausgast und äußerst schleimhautreizend und gesundheitsschädlich ist. Aus diesem Grund rate ich von Entwickler ab, der erst bei erhöhter Temperatur zu voller Leistungsfähigkeit aufläuft. Aber auch bei Raumtemperatur empfiehlt es sich, während der Wartezeit nicht die Nase unentwegt dicht über die Schale zu halten. Falls Sie keine Duka mit einer guten Lüftung Ihr Eigen nennen, nutzen Sie die Hellphasen zum Lüften.

  • Bei hohen Konzentrationen schreitet die Entwicklung zum kritischen Zeitpunkt so schnell fort, dass Sie extrem schnell und mit einem "Vorhaltemaß" reagieren müssen, um ein kurzes Fortdauern der Entwicklung im Stoppbad zu berücksichtigen.· Mit der Verdünnung ändert sich der Ton des Bildes, speziell in den Lichtern.
  • Bei stärkerer Verdünnung verbrauchen Sie weniger Entwickler.

Die Nachteile der hohen Verdünnung sollen aber auch nicht verschwiegen werden:

  • Der stark verdünnte Entwickler hat nur eine kurze Reichweite und arbeitet nicht sehr reproduzierbar (s. u.).
  • Die Entwicklungszeiten werden recht lang.

Wenn Sie sich das Herumprobieren mit einem eigentlich für einen anderen Zweck gedachten Entwickler ersparen möchten, kaufen Sie nicht irgendeinen Lith-Entwickler, sondern einen solchen, bei dem der "Missbrauch" schon eingeplant ist, der schon mit dem Lith-Verfahren im Sinn formuliert wurde. Dazu bekommen Sie meist auch eine Anleitung des Herstellers, die Ihnen die geeignete Verdünnung für die ersten Schritte vorgibt. Dies ist auch der Fall bei so genannten Lith-Sets wie z. B. von Moersch oder JOBO. Ein herausragendes Beispiel für einen solchen Entwickler ist LP-Lith (vertrieben durch MACO). Diesem Entwickler widme ich weiter unten noch etwas mehr Text.

Die Lith-Entwicklung ist eine Kettenreaktion, d. h. im Verlauf der ersten Entwicklungsschritte entstehen chemische Zwischenprodukte, die ihrerseits die Entwicklung beschleunigen. Da diese Zwischenprodukte an den Stellen, wo viel Silber zu entwickeln ist, in höherer Konzentration entstehen, beschleunigt sich die Entwicklung in den Schatten mehr als in den Lichtern. Daraus ergibt sich das typische Erscheinungsbild von Lith-Bildern:

hart in den Schatten, weich in den Lichtern

Der Kopierumfang von Lith-Prints wird vom Kopierumfang (oder der Gradation) des verwendeten Papiers (wenn überhaupt) nur gering beeinflusst. Entscheidend ist die Entwicklung. Sie können auf derselben Papiersorte eine Gradation erzielen, die von weit unter 00 bis weit über 5 hinausreicht. Es gelten (mit Einschränkungen, s. u.)

Die goldenen Regeln des Lith-Printings

  1. Kurz belichten und lange entwickeln ergibt ein hartes und im Trend kalttoniges Bild, lange belichten und kurz entwickeln ergibt ein weiches und warmtoniges Bild.
  2. Schattenzeichnung wird durch die Entwicklung bestimmt, Lichterzeichnung durch die Belichtung.

Erschöpfend ...
... ist das Verfahren in erster Linie für den Entwickler und das Stoppbad. Frisch angesetzter Lith-Entwickler ist auf Grund seiner hohen Aktivität per se weniger haltbar als konventioneller Entwickler. Das Extrem ist vermutlich der Ur-Lith-Entwickler von Kodak, der eine Standzeit von vielleicht 15 min aufweist. Neuere Entwickler, die schon für das Lith-Verfahren formuliert wurden, weisen meist längere Standzeiten auf, im Extremfall (LP-Lith) praktisch einen ganzen Arbeitstag.

Der Ablauf der chemischen Reaktion bei der Entwicklung (nicht nur beim Lith-Verfahren) wird durch die "Abfallprodukte" der zuvor entwickelten Bilder (in der Hauptsache Bromid und Sulfit) beeinflusst. Wegen der beim Lith-Verfahren üblichen hohen Verdünnungen kommt dieser Einfluss dort aber stärker zum Tragen und der Entwickler "reift" recht schnell. Ich persönlich habe aus einem Liter bei Verdünnung 1+16 eigentlich noch nie mehr als 8 bis 10 akzeptable Bilder im Format 24 ´ 30 cm herausbekommen. Die Reifung und nachfolgende Erschöpfung des Entwicklers können Sie beobachten. Oft sind die ersten ein bis zwei Bilder nicht so ausgeprägt farbig wie die mittleren. Bei den letzten zwei bis drei Bildern merken Sie, wie der Entwickler "in die Knie" geht, und irgendwann werden die Schwärzen nicht mehr richtig schwarz. Eine höhere Konsistenz erreichen Sie durch einen stärker konzentrierten Entwickler und/oder durch Regenerieren.

Aus diesem Grund sind Lith-Bilder auch i. d. R. nicht 100%ig wiederholbar. Wenn Sie das nächste Bild identisch belichten und entwickeln, kann es trotzdem etwas anders aussehen.

Da Sie die Bilder vor dem Eintauchen ins Stoppbad nicht gründlich abtropfen lassen, erschöpft sich auch das Stoppbad schnell. Verwenden Sie für das Lith-Verfahren immer frisches Stoppbad, und entsorgen Sie es nach der Duka-Sitzung (wenn Sie lange an einem Stück arbeiten auch haufiger), denn die Verschleppung von Entwicklersubstanz ins Fixierbad kann zu dichroitischem Schleier führen.

Die Beeinflussung des Bildes durch Entwicklungsprodukte kann man steuernd nutzen, indem man den Entwickler künstlich altert, d. h. z. B. Kaliumbromid als Additiv zusetzt.

Manchmal schießt der Entwickler in seinem Eifer über das Ziel hinaus und fängt an, statistisch zufällig platzierte schwarze Punkte im Bild zu entwickeln. Dieser als Pfefferkorn bekannte Fehler, für den nicht alle Entwickler und Papiere gleich anfällig sind, wird durch den Zusatz von Kaliumbromid gefördert. Tritt es auf, kann es mittels Natriumsulfit als Additiv bekämpft werden. Kaliumbromid und Natriumsulfit sind in diesem Sinne Antagonisten.

Die Lith-Sets von Fotospeed, Moersch und JOBO enthalten Kaliumbromid und Natriumsulfit als Additive sowie ein paar Hinweise zu deren Gebrauch. Für den Anfang werden Sie diese Additive nicht brauchen, und es werden Ihnen vermutlich die Erfahrungen fehlen, um Sie zielgerichtet einsetzen zu können.

Das etwas andere Lith-Verfahren ...
...bieten MACO und Labor-Partner unter dem Namen MLD-Technik (Manousakis Lith Development) an. Wie mir Herr Schröder, der die Fa. Labor Partner gegründet hat, erläuterte, wurde LP-Lith-Entwickler mit dem Ziel entwickelt, die Qualität des lange Zeit als Standard geltenden Kodak-Lith-Entwicklers zu erzielen, ohne dabei dessen Nachteile (extrem kurze Haltbarkeit von 15 min, hohe Formaldehydemission) in Kauf zu nehmen. Herausgekommen ist dabei ein ganz neues Verfahren, dessen Charakteristika sich etwas von denen des von mir als klassisch bezeichneten Verfahrens unterscheiden.

Labor Partner empfiehlt, diesen Entwickler, da er schon für die Lith-Technik gemacht wurde, nicht so stark zu verdünnen. Die beste Verdünnung liegt nach den Erfahrungen von Labor Partner bei 1+6. Folglich werden die Entwicklungszeiten auch nicht so in die Länge gezogen, sondern dauern wie gewohnt zwischen 2 und 4 min.

Die wesentliche Einflussgröße ist beim MLD-Verfahren die Belichtung. Über sie steuern Sie Kontrast und Ton des Bildes.

Leider habe ich selbst - obwohl ich praktisch alle meine Lith-Prints mit LP-Lith, nur eben bei hoher Verdünnung, entwickelt habe - noch nicht die Gelegenheit gehabt, mit dem konzentrierten Entwickler in dem Maß zu experimentieren, daher muss ich an dieser Stelle in meinen Empfehlungen ein wenig schwammig werden und kann sie nicht in gewohntem Maß mit eigenen Erfahrungen untermauern. Die Spanne der möglichen Resultate des MLD-Verfahrens machen Sie sich am deutlichsten bewusst, indem Sie ein Negativ mit einer Belichtungsreihe vergrößern und die einzelnen Bögen nach Sicht entwickeln. Herr Schröder von Labor Partner versicherte mir am Telefon, dass er jedes Ergebnis, dass man nach dem klassischen Verfahren erzielen könne, auch mit der MLD-Technik erzielen könnte. Vielleicht gibt es eine Ausnahme: Das Pfefferkorn zu erzeugen, welches man normalerweise fürchtet wie die Pest, ist mir mit LP-Lith noch nicht gelungen. Der Fairness halber räumte Herr Schröder am Telefon ein, dass auch bei extrem ausgeknautschtem LP-Lith Pfefferkorn in geringem Maße auftreten kann, meist aber wohl erst, wenn die Bilder aufgrund der Entwicklererschöpfung ohnedies nicht mehr optimal sind. Aus diesem Grund sind auch bei LP-Lith Additive wie Sulfit oder Bromid nicht vorgesehen.

Von MACO/Labor Partner gibt es zwei Lith-Schnuppersets, die einschließlich des Papiers alles Nötige für die ersten Schritte enthalten, eines auf Basis von Barytpapier und eines auf Basis von PE-Papier. Da ich persönlich durch ein solches Set zum Lith-Verfahren gekommen bin, ist mir ein solches Set eine Empfehlung wert.

Beispielbilder
Statt vieler Worte zur Theorie möchte ich nachfolgend einige Beispielbilder wiedergeben und kommentieren. Schon jetzt möchte ich anmerken, dass keines der Bilder getont ist. Die teilweise recht ausgeprägte Farbigkeit ist ein Merkmal des Verfahrens.

Den weiten Kopierumfang mag Ihnen Bild 1 verdeutlichen. Das Negativ wurde an einem sonnigen Tag aufgenommen. Entsprechend war der Kontrastumfang. Der Lith-Print entstand ohne jedes Nachbelichten oder Abhalten.

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Bild 1: Bettler im Eingang der Kathedrale von Orléans, aufgenommen auf Ilford Delta 100 mit PC-Nikkor 3,5/28 mm, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

Das andere Ende der Kontrastskala möge Bild 2 verdeutlichen: In dieser Kathedrale (Metz) durfte ich kein Stativ verwenden, hatte einen viel zu gering empfindlichen Film (Ilford Delta 100) geladen, und für den Riesenraum kam nur das mit seiner Anfangsöffnung nicht besonders lichtstarke PC-Nikkor 3,5/28 mm in Frage. Das resultierende Negativ ist so extrem dünn (weil stark unterbelichtet), dass es konventionell praktisch nicht zu vergrößern ist. Der Lith-Print hingegen - kurz belichtet und lange entwickelt und daher beinhart - hat seine Reize.

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Bild 2: Hauptschiff der Kathedrale von Metz, aufgenommen (und völlig unterbelichtet) auf Ilford Delta 100 mit PC-Nikkor 3,5/28 mm, Print auf Fortezo Museum Weight, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

Lith-Bilder weisen oft interessante Farben auf, die mir z. B. ganz besonders gut bei Fotos von Steinen oder Holz gefallen. Die nachfolgenden Detailaufnahmen mögen das verdeutlichen.

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Bild 3: Detail der Kapelle am Fuß des Rocher Aiguilhe in Le-Puy-en-Velay (Frankreich, Auvergne), aufgenommen auf Ilford Delta 100 mit AF-Zoom-Nikkor 3,5-5,6/35-105 mm, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

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Bild 4: Eingang des Château de l'Herm, Nähe Rouffignac (Frankreich, Périgord), aufgenommen auf Ilford Delta 100 mit PC-Nikkor 3,5/28 mm, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

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Bild 5: Detail der Tür im Hauptportal der Kathedrale von Orléans (vgl. auch Bild 1), aufgenommen auf Ilford Delta 100 mit PC-Nikkor 3,5/28 mm, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

Ganz zuletzt noch zwei Bilder, die zwei meiner Leidenschaften kombinieren, nämlich die Infrarotfotografie mit dem Lith-Verfahren. Die oft träumerische Anmutung von IR-Bildern mit ausgeprägtem Wood-Effekt lässt sich durch die oben beschriebenen Charakteristika des Lith-Verfahrens (Hart in den Schatten, weich in den Lichtern) oft erst so richtig zur Geltung bringen. Tim Rudman bringt dies in [1] zum Ausdruck, wenn er sagt, dass Lith und IR für einander gemacht wurden.

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Bild 6: Glockenturm des Klosters von Lavaudieu (Frankreich, Auvergne), aufgenommen auf Kodak High Speed Infrared mit Filter #29 mit Minolta MC-Rokkor 3,5/28 mm bei teilweise bedecktem Himmel, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

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Bild 7: Die Säulen der Gerechtigkeit (ein drolliger Name für den schlosseigenen Galgen) des Château de Kerjean (Frankreich, Bretagne), aufgenommen auf Kodak High Speed Infrared mit Filter #87 mit Minolta MC-Rokkor 3,5/28 mm bei sonnigem Wetter, Print auf Maco Expo RN, Gradation 2, entwickelt in LP-Lith 1+16

Papiere
Nicht alle Papiere sind für das Lith-Verfahren geeignet. Die nachfolgende Liste gibt ein paar Ausgangspunkte für eigene Experimente. Sie ist in keiner Weise erschöpfend. Aufgrund seines Mechanismus funktioniert das Lith-Verfahren i. d. R. nicht mit Papieren mit eingelagertem Entwickler, da diese die Kettenreaktion abbrechen. Manchmal hilft aber bei solchen Papieren eine Vorwässerung, bei der diese Entwickler ausgewaschen werden. Für das Lith-Verfahren gilt mehr als für andere Verfahren, dass Sie experimentieren müssen. Lith-Bilder sind schon kaum 100%ig wiederholbar, um so weniger sollten Sie davon ausgehen, dass Ihre Bilder denen von irgendjemandem sonst mehr als nur oberflächlich ähneln.

Leider wurden einige der schönsten Papiere wegen ihres Cadmiumgehaltes vom Markt genommen, und man kann davon ausgehen, dass die Nachfolger zumindest immer anders, wenn auch vielleicht nicht weniger schön reagieren. Deswegen führe ich nur wenige Papiere auf, bei denen ich aber halbwegs sicher bin, dass es sie noch gibt. Die Reihenfolge der Nennung beim Barytpapier spiegelt meinen persönlichen Verbrauch wider.

Barytpapiere
• MACO Expo R
• Oriental New Seagull G
• Fortezo Museum Weight
• Forte Polywarmtone Plus FB
• Ilford Multigrade IV FB (nur eingeschränkter Lith-Effekt)

PE-Papier
• MACO Lithpaper RC-F (neu)
• Forte Polywarmtone Plus RC

Entwickler
Am besten verfügbar dürften hierzulande die folgenden sein:
• LP-Lith
• JOBO 
• Moersch
• Fotospeed Lith 
Weitere Kandidaten sind:
• Kodalith
• Novolith
• Speedibrew Litho-print

Dokulith von Tetenal, der auch die Silbe "-lith" im Namen trägt, ist lt. [1] nicht für das Lith-Verfahren geeignet.

Ist damit alles gesagt?
Nein. Dem Lith-Verfahren in einem einzigen, kurzen Artikel gerecht zu werden ist nicht möglich. Lith-Bilder reagieren z. B. auf ganz eigene Weise auf Tonungen (siehe [1]). Wenn Sie z. B. den Kontrast von Lith-Bildern brauchen, aber deren braunen Bildton nicht, können Sie sie mit Goldtoner hervorragend "umstimmen". Mit Selentoner passieren teilweise spektakuläre Dinge. Interessante Effekte ergeben sich auch, wenn Sie zu dunkle Bilder (konventionell oder Lith-entwickelt) bleichen und in Lith-Entwickler neu entwickeln. Wer nach dem Einstieg neugierig geworden ist, dem sei Tim Rudmans Lith-Bibel [1] ans Herz gelegt.

Dank ...
... schulde ich Herrn Schröder von MACO/Labor Partner, der sich die Zeit genommen hat, mir einige Hintergründe telefonisch zu erläutern.

Lit(h)eratur...
... zum Lith-Verfahren ist m. W. nicht viel vorhanden. Es gibt nur ein wirklich umfassendes Werk, und zwar das von Tim Rudman, das aber leider hinsichtlich der Materialien nicht mehr auf dem neuesten Stand ist. (Es ist dennoch DAS Buch zum Lith-Printing.) Einzelne Abschnitte in Büchern, wie z. B. in [2], werden dem Verfahren naturgemäß nicht wirklich gerecht.

[1a] Tim Rudman, The Master Photographer's Lith Printing Course, Amphoto Books, New York 1999, ISBN 0-8174-4539-0
[1b] Tim Rudman, The World of Lith Printing: The Best of Traditional Darkroom and Digital Lith Printing Techniques, 2006, ISBN: 978-1902538457
[2] Ray Spence, Tony Worobiec, Workshop Monochrom und andere Kunst-Printing-Techniken, Augustus Verlag, 2000, ISBN: 3-8043-5140-9
[3] Webseiten z. Thema MLD/Lith von Labor Partner, http://www.compard.de (nicht mehr online)
[4] private Webseiten von Marco Pauck unter http://www.pauck.de/marco/photo/lith/lith.html
[5] >>HIER<< ein Rezept für ein Bleichbad

Alle Bilder © Thomas Wollstein 

Ergänzung: Siehe auch http://www.moersch-photochemie.de/content/knowhow