Kolumne

Fest auf dem Boden der Tatsachen
Tipps und Tricks zur Vermeidung von Verwacklung und Verreißen


Thomas Wollstein
September 2002


Wohl jeder, der fotografiert, kennt die alte Regel, der zufolge Verschlusszeiten bis längstens

"1 durch Brennweite in Millimeter"

keines Stativs bedürften. Bei meinem 58-mm-Objektiv hieße das, dass Belichtungszeiten von 1/60 Sekunde und kürzer zu scharfen Bildern führen müssten.

Ganz falsch ist diese Regel nicht, man muss sich nur immer bewusst sein, dass sie eben nur eine Daumenregel ist. In den meisten Fällen bekommen Sie bei ruhenden oder sich nicht zu schnell bewegenden Motiven akzeptable Aufnahmen hin, wenn Sie sich an diese Regel halten und beim Auslösen ein bisschen vorsichtig sind.

Aus dem Gesagten geht schon hervor, dass es zwei Einflussgrößen gibt, die zu bewegungsbedingter Unschärfe führen können, nämlich

   1. Bewegung im Motiv (nicht nur Sport- und Actionaufnahmen, sondern auch Vegetation im Wind, Wasser usw.) und
   2. Kamerabewegung (Aufnahmen aus Autos, von Schiffen, Pontons, Brücken (!), unruhige Hand usw.).

Für Punkt 1 gilt die genannte Faustregel überhaupt nicht. Sie betrachtet eigentlich nur einen Teilaspekt von Punkt 2, nämlich die unruhige Hand. Im Zuge dieses Beitrags werden wir allerdings versuchen, möglichst viele der angesprochenen Quellen von Bewegungsunschärfe anzusprechen.

Anmerken sollte man auch noch einmal, dass diese Regel ähnlich wie Tiefenschärfeskalen mit einem bestimmten Vergrößerungsmaßstab bzw. Verhältnis von Vergrößerungsmaßstab und Betrachtungsabstand der Bilder im Sinn aufgestellt wurde. Bei größeren Negativformaten können Sie sich bei gleichem Positivformat größere Unschärfen erlauben, weil der Vergrößerungsmaßstab kleiner ist, bei kleineren müssen Sie entsprechend strenger sein. D.h. Sie müssen die Brennweite auf ihr KB-Pendant umrechnen. Eine Tabelle mit ungefähren Umrechnungsfaktoren finden Sie am Ende des Artikels. Bei gleichem Vergrößerungsmaßstab darf man die Regel unmodifiziert anwenden.

Bewegung im Motiv

Sport und Action
Bei Sport- und Actionaufnahmen müssen Sie zwischen Schärfentiefe und Verschlusszeit abwägen. Vom Standpunkt der Bewegungsunschärfe her wäre die kürzestmögliche Verschlusszeit wünschenswert. Allerdings kommt es auf die Richtung der Bewegung an und auch darauf, ob sich das Motiv in allen seinen Teilen gleichmäßig bewegt.

Zu abstrakt formuliert? Wenn z.B. ein Fußballspieler gegen den Ball tritt, bewegt sich der größte Teil seines Körpers viel weniger schnell als der Fuß, welcher den Ball tritt. Wollen Sie alles scharf haben, müssen Sie also die Verschlusszeit nach der schnellsten Bewegung ausrichten. Wollen Sie dagegen die Bewegung auch als Bewegung, d.h. mit einer gewissen - gewollten - Unschärfe, darstellen, können Sie eine längere Verschlusszeit wählen, die den Oberkörper und Kopf des Spielers scharf lässt, aber seinen sich rasant bewegenden Fuß verwischt. Einen allgemein gültigen Wert für die jeweils magische Zeit, bei der das funktioniert, kann ich Ihnen allerdings nicht nennen. Probieren Sie es für die Sie interessierenden Situationen aus, um einen Erfahrungsschatz zu sammeln. Im Trend gilt wieder: Längere Brennweiten brauchen kürzere Belichtungszeiten.

Weiter ist die Richtung der Bewegung relativ zur Kamera wichtig: Wenn Sie beim Einlauf in die Zielgerade die Sprinter fotografieren, während sie auf die Kamera zu laufen, sieht die Kamera viel weniger Bewegung als wenn Sie quer zur Laufrichtung fotografieren. Im erstgenannten Fall können Sie sich also eine viel längere Verschlusszeit leisten. Abgestuft gilt das bei Bewegungen schräg zur Aufnahmerichtung.

Letztendlich - das kam schon in der Daumenregel heraus - spielt auch die Objektivbrennweite eine Rolle. Ein Teleobjektiv vergrößert nicht nur alle Details des Motivs, sondern auch dessen Bewegung. (Die des Fotografen auch, aber dazu kommen wir später.)

Nach meiner Erfahrung (die allerdings bei Sportaufnahmen nicht so reichhaltig ist, da das nicht meine Lieblingsmotive sind) kann man beim 5fachen der Brennweite in Millimeter von ziemlich scharfen Aufnahmen ausgehen, optimal ist das 10- bis 20fache, also z.B. bei einem 50-mm-Objektiv 1/250 s, besser 1/500 bis 1/1000, bei einem 200er Teleobjektiv sind die Werte entsprechend 1/1000 bis 1/4000.

Damit wird klar, dass Sie für solche Aufnahmen in aller Regel besser mit einem etwas empfindlicheren Film an den Start gehen. Aus meiner Sicht ist ISO 400/27° eine meist vernünftige Wahl.

Landschaft
Auch bei Landschaftsaufnahmen kommt Bewegung im Motiv vor, z.B. durch Wind, der die Blätter und Zweige bewegt, oder in Form sich bewegenden Wassers.

Bei den sich bewegenden Blättern kann die Bewegungsunschärfe insbesondere dann akzeptabel sein, wenn es genug scharfe, d.h. feste, ruhende, Bildelemente gibt und wenn diese die eigentlich wichtigen Bildelemente sind.

Beim Wasser kann sie sogar gewünscht sein, um z.B. bei Wasserfällen oder schnell fließenden Bächen das Wasser als lebendiges, fließendes Element darzustellen. In diesem Fall brauchen Sie allerdings schon recht lange Verschlusszeiten. Nach meinem Geschmack fängt der interessante Bereich bei 1/4 s als kürzester Zeit an. Um bei solchen Fotos mit Verschlusszeiten ab 1 s dem Reziprozitätsfehler (oder Schwarzschildeffekt) aus dem Weg zu gehen, macht es oft Sinn, statt einer einzigen Belichtung von 1 s eine evtl. vorhandene Mehrfachbelichtungsfunktion zu nutzen und 8 x 1/8 s zu belichten. Die Darstellung des Wassers in beiden Fällen ist auch ohne Reziprozitätsfehler nicht ganz dieselbe: Die Mehrfachbelichtung hat oft etwas mehr Biss.

Kamerabewegung

Tief durchatmen:
Kamera (mehr oder weniger) in der Hand


Sportschützen wissen: Der Puls des Menschen schlägt nicht immer gleich schnell. Damit ist nicht der beschleunigte Puls bei und nach Anstrengung gemeint, sondern die Änderung der Pulsfrequenz innerhalb eines Atemzyklus. Wenn Sie ruhig und entspannt atmen und Ihren Pulsschlag beobachten, werden Sie bemerken, dass die einzelnen Schläge kurz nach dem Ausatmen mit längeren Pausen aufeinander folgen als während des Einatmens. Eine solche längere Pause nutzen Präzisionsschützen, um den Schuss auszulösen, und wir können diesen Effekt auch als zusätzliche Vorkehrung gegen Verwacklung nutzen.

Wo liegt der Grenzbereich für aus der freien Hand haltbare Zeiten? Die eingangs zitierte Daumenregel ist - das sagte ich bereits - nicht schlecht. Ich hatte aber auch die Einschränkung gemacht, dass die so geschossenen Aufnahmen nur akzeptabel scharf sind. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich ein Foto etwas größer als nur bis 13 x 18 cm vergrößern möchte, gehe ich i.d.R. lieber auf Nummer Sicher und nutze kürzere Zeiten als die nach der Daumenregel ermittelten. Ich fühle mich sicher, wenn ich bei einem 50-mm-Objektiv mit 1/250 s aus der Hand fotografiere, bei längeren Brennweiten mit entsprechend kürzeren Zeiten.

Andererseits habe ich auch schon (wieder bezogen auf 50 mm Brennweite) 1/30 und sogar 1/8 s gehalten und Bilder erzielt, die sich sogar recht groß vergrößern lassen. Wahrscheinlich habe ich da einfach Glück gehabt. Verlassen werde ich mich darauf nicht, aber ich werde auch nicht auf die Aufnahme unter schlechten Bedingungen verzichten, bloß weil die Möglichkeit besteht, dass sie unscharf wird.

Was tun, wenn´s nicht anders geht, wenn also kein Dreibeinstativ benutzt werden kann oder man keines dabei hat? Es gibt ein paar einfache Dinge, die Ihnen helfen können, nämlich

  1. die oben besprochene günstige Atmung,
  2. Aufstützen, Anlehnen und Einbeinstative,
  3. günstige Kamera- und Körperhaltung und schließlich
  4. Behelfsstativ und doch nicht zu schwer zu tragen: das Taschenstativ.
  5. nur der Vollständigkeit halber: das Schulterstativ

Zu 1. brauche ich nichts mehr zu sagen.

Zu 2.: Auch wenn es uns nicht auffällt, ist unser "Stehen" doch eine unablässige Folge von Ausgleichsbewegungen. Eine Kamera "sieht" diese bei hinreichend langer Belichtungszeit. Schon wenn Sie sich an einer Wand oder Mauer anlehnen, sinkt das Verwacklungsrisiko erheblich. Wenn Sie gar Ihre Kamera gegen ein solides Objekt halten oder auf eine Mauer stellen können, steigen Ihre Chancen auf unverwackelte Bilder weiter. Am günstigsten ist es dabei, wenn die Kamera flächig oder an drei Punkten anliegt, denn dann wippelt sie auch nicht mehr hin und her.

Das Zauberwort heißt hier "Freiheitsgrade": Liegt die Kamera mit einem Punkt an, also etwa auf einer Spitze eines Steins, so kann Sie noch in ziemlich vielen Richtungen wackeln, wenn auch weniger als wenn Sie sie nur in der Hand halten. Liegt sie mit zwei Punkten oder entlang einer Linie an, z.B. an einer Häuserecke, so kann sie noch in einer Richtung kippeln. Liegt sie schließlich flächig an oder mit drei Punkten, so liegt sie fest. So können Sie mit etwas Vorsicht sogar ausgedehnte Zeitbelichtungen ohne Stativ tadellos hinbekommen.

Ein Grenzfall, den man hier auch nennen sollte, sind Einbeinstative. Viel brauche ich dazu nicht zu sagen. Ich schätze meines sehr für Ballettaufnahmen, denn es stützt die Kamera, wenn die Verschlusszeiten bei dem spärlichen Licht länger werden, und es entlastet meine Arme vom Gewicht des lichtstarken und daher schweren Teleobjektivs während der längeren Vorstellungen. Trotzdem gibt es mir noch eine ganze Menge mehr Bewegungsfreiheit als ein Dreibein.

Zu 3.: Digitalfotografie hat ihre Vorzüge. Einer davon ist der, dass man sich eher einmal traut, ein Foto zu versieben, weil man's ja einfach wieder löschen kann. Film wird dabei nicht verschwendet. Ein weiterer Vorzug besteht darin, dass man sich die Resultate sofort ansehen kann. So habe ich gemerkt, dass ich mit der Kamera vor dem Bauch viel längere Zeiten aus der Hand halten kann als in der üblichen, unergonomischen Knippshaltung mit Kamera vor der Nase. Kameras mit Schachtsucher oder eben Digicams, bei denen man von oben auf das Display schauen kann, erlauben also in dieser günstigeren Haltung längere Zeiten.

Ganz ungünstig sind zu kleine Kameras, an denen die "Wurstfinger" kaum Halt finden und die zudem noch leicht sind.

Günstig ist Masse. Eine schwere Kamera benötigt auch mehr Kraft, um zu schwingen. Der Effekt schlägt allerdings da um, wo das Gerät so schwer wird, dass Sie es nicht mehr entspannt halten können.

Auch die Lage des Schwerpunktes relativ zum Griff ist wichtig: Versuchen Sie einmal, eine Kamera mit einem lichtstarken Tele am Gehäuse zu halten. Sie können sie viel besser ruhig halten, wenn der Schwerpunkt zwischen Ihren Händen angeordnet ist.

Allgemein gilt: Je entspannter Ihre ganze Haltung, desto weniger wackeln Sie. Stehen Sie z.B. mit halb gebeugten Beinen, um Ihren Aufnahmestandpunkt ein paar Zentimeter nach unten zu verlagern, wackeln Sie i.d.R. erheblich mehr als wenn Sie bequem stehen. Noch schlimmer wird's beim Knien oder gar auf Zehenspitzen. Also: Bleiben Sie locker!

Zu 4.: Eines meiner liebsten Utensilien ist ein solides Taschenstativ: viel leichter als ein "richtiges" Stativ, viel kleiner (ungefähr von der Größe einer Taschenlampe) und enorm nützlich. Ich glaube, ich verdanke diese Anregung Günter Spitzing, dessen Bücher ich immer gern gelesen habe. Mit einem solchen Ding habe ich schon die dollsten Dinger gedreht, so z.B. scharfe Aufnahmen von Gekkos nahe einer an einer Häuserwand angebrachten Straßenlampe in Arles (Provence) mit einem 300-mm-Tele mit 1/4 s vom Dach eines geparkten Autos. Der Kugelkopf des Taschenstativs erlaubt es, praktisch jede Häuserwand oder andere nicht ganz unebene Fläche in Motivnähe zum Anlehnen oder Aufstützen zu nutzen. Wenn Sie mit der linken Hand das Taschenstativ einigermaßen fest gegen die Wand pressen und mit der rechten vorsichtig auslösen (vielleicht sogar mit einem Drahtauslöser), können Sie ohne schweres Stativ Zeiten hinbekommen, von denen Sie sonst nur träumen können.

Allerdings muss es - wie oben betont - ein einigermaßen stabiles Taschenstativ sein. (Das wird immer noch viel leichter sein als ein Dreibeinstativ.)

5. So genannte Schulterstative, Vorrichtungen, mit deren Hilfe man die Kamera beim Fotografieren wie ein Gewehr an die Schulter hebt, habe ich nicht als große Hilfe empfunden. Zwar ist es damit leichter, eine Kamera mit schwerem Teleobjektiv etwas ruhiger zu halten, und man ist beweglicher als mit einem Dreibein, aber ein Einbeinstativ bietet bei größerer Wirksamkeit gegen Kamerabewegungen zusätzlich den Vorteil, dass es das Gewicht der Kamera trägt und schränkt nach meinen Erfahrungen die Beweglichkeit auch nicht wesentlich mehr ein.

Wie der Fels in der Brandung? 

Die Kamera auf dem Stativ

Die Belichtungszeit ist zu lang, um sie aus der Hand zu halten, also kommt die Kamera auf´s Stativ. Alles klar, keine Probleme mehr. Oder doch?

Und ob! Eine Reihe von Faktoren sorgen dafür, dass auch eine Kamera auf einem Stativ wackelt:

  1. Trivial: ein instabiles Stativ,
  2. oft nicht bemerkt: "weicher" Boden,
  3. unterschätzt: Wind,
  4. meist übersehen: der Spiegelschlag bei Spiegelreflexkameras und
  5. zu guter Letzt: der Fotograf als Schwingungsquelle.

Zu 1.: Die so genannten Reisestative, die vor 30 Jahren die üblichen Stative für Freizeitfotografen waren, deren Beine aussahen wie etwas dickere Teleskopantennen von Transistorradios, sollten Sie lieber vergessen. Sie taugen nur in drei Fällen etwas: mit ganz zusammengeschobenen Beinen (Dann ist ein gutes Taschenstativ besser.) oder bei Selbstauslöseraufnahmen, bei denen es nicht auf die Stabilität der Kamerahalterung ankommt, wo also die Verschlusszeit kurz ist und das Stativ nur den freundlichen Helfer ersetzt, der uns die Kamera hält. Der dritte Nutzen? Man kann sie als Briefbeschwerer verwenden.

Ein anständiges, d.h. wirksames Stativ ist schwer und steif. Da hilft nichts. Moderne Werkstoffe wie Carbonfasermaterialien mögen das Gewicht etwas reduzieren, aber ein schwereres Stativ wird praktisch immer weniger schwingen als ein leichteres. Steif muss ein Stativ sein, damit es nicht mit niedriger Frequenz und großer Amplitude schwingt und ewig lange braucht um auszuschwingen, nachdem Sie es aufgestellt haben. Innere Dämpfung dient ebenfalls dazu, die Schwingungsanregung zu erschweren und das Abklingen von Schwingungen zu begünstigen.

Wenn Sie also jetzt in den Laden gehen, um für Ihre nächste Reise ein Stativ zu kaufen, kaufen Sie das schwerste und steifste, das Sie lange genug tragen können und wollen (Denken Sie dabei auch an das Gewicht der restlichen Ausrüstung!), denn ein Stativ, das zu schwer zum Mitnehmen ist, ist ungefähr so wirksam wie kein Stativ.

Stative mit Mittelsäule sind eine tolle Sache, aber nur, wenn man die Mittelsäule nur nutzt, um sie bei Bedarf umgekehrt ins Stativ einzusetzen, nicht etwa zur Vergrößerung der Höhe, denn die Mittelsäule mit der relativ großen Masse der Kamera am Ende wirkt wie ein langes Federpendel. Mit einem billigen Laserpointer kann man das leicht testen: Montieren Sie den Laserpointer (z.B. mit Klebeband) an der Kamera, und zwar am besten in der Weise, dass er grob parallel zur Objektivachse ausgerichtet ist. Stellen Sie die Kamera ein paar Meter vor einer Wand auf. Je größer die Entfernung, desto größer der Ausschlag des Pointers, wenn die Kamera wackelt. Schalten Sie nun den Pointer auf Dauerlicht und lassen Sie Ihre Kamera bei verschiedenen Auszugshöhen der Mittelsäule per Selbstauslöser auslösen. Nutzen Sie die Laufzeit des Selbstauslösers, um zur Wand zu gehen, auf die der Laserpunkt projiziert wird und beobachten Sie, was der Punkt macht.

ausrufezeichen

WARNHINWEIS!
Vermeiden Sie es, in den Laserpointer zu schauen! Der Laser kann Ihre Augen schädigen. Die Gefahr besteht insbesondere, während Sie nach dem Klick zur Kamera zurückkehren. Schauen Sie auf dem Weg stur auf den Fußboden und halten Sie zusätzlich die Hand zwischen Ihre Augen und den Pointer. Tragen Sie auch Sorge, dass keine anderen Menschen geblendet werden.

Sie werden Folgendes sehen: Je weiter der Auszug,

  1. desto größer die Schwingung, und
  2. desto länger braucht sie zum Abklingen.

2. Das stabilste Dreibein ist witzlos, wenn Sie es auf einer viel befahrenen Brücke aufstellen oder wenn Sie auf dem Parkettboden oder weichen Waldboden, auf dem es steht, bei der Aufnahme zuviel "hampeln". Dass ein Stativ im, am oder auf dem Auto nur etwas bringt, wenn der Motor aus ist, und dass ein Auto dank seiner Federung leicht durch Bewegungen der Insassen zum Schwingen zu bringen ist, brauche ich wohl gar nicht mehr zu erwähnen.

3. Wind, der über eine mäßige Brise hinausgeht, wird auch Ihre auf dem Stativ montierte Kamera zum Schwingen bringen. Abhilfe schafft Masse. Mein Patentrezept besteht darin, mein Stativ mit meinem Kamerarucksack (in meinem Fall immerhin mindestens 10 kg) zu beschweren. Ich hänge einfach den Rucksack mit der Trageschlaufe an die Mittelsäule. Das beschwert die gesamte Konstruktion so weit, dass es schon arg pusten muss, um sie zu erschüttern. (Auch dies können Sie mit dem Laserpointer testen.)

4. Spiegelreflexkameras sind nicht nur (vergleichsweise) laut, sie wackeln auch ganz gewaltig, wenn der Spiegel hochklappt. Das ist auch kein großes Wunder, muss der Spiegel doch nach dem Drücken des Auslösers möglichst augenblicklich aus dem Strahlengang entfernt, also stark beschleunigt und dann ziemlich abrupt wieder gebremst werden. Wo etwas schnell bewegt wird, muss eine große Kraft übertragen werden, und die ruft eine Gegenkraft hervor. (Der Rückstoß bei Schusswaffen entsteht so.) Der Spiegel stößt sich beim Hochschwingen an der Kamera ab, und die Kamera wackelt. Dann schlägt der Spiegel oben an, und die Kamera wackelt wieder. Und genau während dieser Wackelei geht der Verschluss auf!

Die Erfahrung zeigt, dass der Spiegelschlag sich besonders im Bereich der Verschlusszeiten im Bereich von 1/8 bis 1/60 s schärfemindernd bemerkbar macht. Bei Zeiten ab 1 s und länger oder 1/125 s und kürzer ist er i.d.R. kein Problem mehr, im ersten Fall, weil die Wackelei nur während eines Bruchteils der Belichtungszeit noch wirksam ist, im zweiten, weil die Zeit kurz genug ist. Bei 1/60 und in Grenzen bei 1/30 s kann es auch reichen, wenn Sie nicht per Drahtauslöser (s.u.) auslösen, sondern die Kamera beim Auslösen fest (nicht so fest, dass Sie zittern, es kommt nur auf die dämpfende Masse an) umfassen.

Günstiger ist aber eine Spiegelvorauslösung. Manche Kameras erlauben es, den Spiegel nach der Ausrichtung der Kamera unabhängig von der Verschlussauslösung hochzuklappen und dann zeitlich entkoppelt auszulösen. Bei anderen wird der Spiegel zu Beginn der Laufzeit des Selbstauslösers hochgeklappt, und bis zum Auslösen des Verschlusses sind eventuelle Schwingungen abgeklungen. Beides ist von der Schärfe her praktisch gleichwertig, nur einen Vorteil haben die Kameras mit vom Selbstauslöser entkoppelter Spiegelvorauslösung: Bei ihnen passiert es Ihnen nicht, dass genau in den 10 s zwischen Auslösung des Spiegels und eigentlichem Foto jemand ins Bild latscht.
Auch die Spiegelvorauslösung lässt sich nach der oben beschriebenen Methode testen.

5. Was bei handgehaltener Kamera gilt, stimmt auch hier: Die Lage des Schwerpunktes ist entscheidend: Am günstigsten ist es i.A., wenn das Stativ unterhalb des Schwerpunktes stützt. Schwere und lange Teleobjektive sollten zu diesem Zweck ein eigenes (möglichst drehbares) Stativgewinde aufweisen, auch damit nicht das arme Gehäuse das Gewicht des dicken Klotzes tragen muss.

6. Eigentlich wollte ich zum Thema Drahtauslöser gar nichts sagen, so selbstverständlich war es für mich, dass man entweder einen solchen oder aber den Selbstauslöser benutzt, um nicht selbst der ärgste Feind der Schärfe zu werden. Aber dann fielen mir doch einige Warnhinweise ein:

Ein Drahtauslöser ist um so wirksamer, je länger er ist. Drahtauslöser mit einer Länge von 10 cm oder gar noch weniger sind witzlos.

Ein Drahtauslöser ist ebenfalls witzlos, wenn er unter Spannung steht. Er muss, um wirken zu können, locker durchhängen.

Wenn Sie eine Zeitbelichtung durchführen, sollten Sie es vermeiden, den Drahtauslöser gleich nach dem Auslösen und Feststellen fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Das gibt einen kleinen, aber unnötigen Ruck. Einen weiteren erzeugen Sie, wenn Sie ihn nach Ablauf der nötigen Zeit unvorsichtig wieder in die Hand nehmen. Halten Sie ihn während der ganzen Zeit locker in der Hand und stehen Sie schön still.

7. Köpfchen! Beinahe hätte ich's vergessen: Ein Stativ ist nur so gut wie sein Kopf. Die Stative namhafter Hersteller werden oft kopflos angeboten, da es für verschiedene Anwendungsbereiche und Vorlieben verschiedene Köpfe gibt. Der Kopf des Stativs muss bei einer schweren Kamera ein großes Drehmoment aufnehmen, sollte also solide sein.

Prinzipiell werden zwei Bauarten unterschieden:

  • Kugelköpfe und
  • Neiger.

Erstere haben ein einziges "Bedienelement", mit dem Sie den Kopf feststellen oder lösen. Ist er einmal gelöst, ist er in allen Richtungen beweglich. I.A. werden solche Köpfe für solche Anwendungen empfohlen, wo die Kamera bei aller Fixierung noch recht beweglich bleiben muss, z. B. Sport- und Actionfotografie. Weniger empfohlen werden sie für Architekturaufnahmen, denn wenn Sie Ihre Kamera mit der Wasserwaage für eine Architekturaufnahme genau ausrichten, ist es einfacher, wenn Sie jede Drehrichtung einzeln freigeben und blockieren können.

Ich persönlich fotografiere in der Hauptsache Architektur und Landschaft und nutze trotzdem einen Kugelkopf, denn Neiger sind i.A. wegen teilweise weit hervorstehender Griffe voluminöser und transportunfreundlicher. Daran, dass ein Kugelkopf die Kamera gleich für alle Richtungen freigibt, habe ich mich gewöhnt.

Es gibt spezielle Kugelköpfe (z. B. Manfrotto Grip Action), bei denen ein Pistolengriff gedrückt wird, um die Kamera drehbar zu machen. Wenn man loslässt, wird sofort arretiert. Ich persönlich würde diese nur empfehlen, wenn man diese Funktionalität wirklich braucht, denn ich halte die Konstruktion mechanisch für nicht optimal: Die Kugel sitzt unterhalb des rund 15 cm langen Pistolengriffs, was bedeutet, dass die schwere Kamera am Ende eines langen Hebels sitzt. Dieser Hebel vergrößert das auf den Kugelkopf wirkende und von diesem zu haltende Drehmoment. Das kleinste bisschen Elastizität oder Spiel im Kugelkopf wird durch den Hebel vergrößert.

Bei Neigern, das klang implizit schon an, gibt es drei Bedienelemente: eines gibt Schwenks in der Horizontalen frei, das zweite auf- und abwärts, und das dritte Drehungen um die Aufnahmeachse. Der Vorteil liegt darin, dass das Ausrichten der Kamera bei Architekturaufnahmen einfacher ist, weil sich die Ausrichtung in den beiden anderen Richtungen nicht verändert, während man an der dritten herumwerkelt. Der Nachteil, der solche Geräte für Sport- und Actionaufnahmen praktisch disqualifiziert, besteht darin, dass Sie immer mehrere Handgriffe vornehmen müssen, wenn Sie die Ausrichtung der Kamera in mehr als einer Richtung ändern wollen. Ein weiterer Nachteil sind die meist größeren Abmessungen der Köpfe.

Ein frei schwebendes "Luftstativ": der Kreisel!

Mehr als interessante Randnotiz sollte man noch den Kreisel erwähnen, ein "Stativ" für Fälle, wo die Aufstellung eines Stativs auf dem Boden keinen Sinn macht, also z.B. in Autos und Flugzeugen oder auf Booten sowie bei Fotos an Stellen, wo man aufgrund beengter räumlicher Verhältnisse (Kirchtürme, Brückenpfeiler, Windenergieanlagen) keinen Platz hat, ein Stativ aufzustellen. Mir fällt hier auch gleich die Regelung in Italien ein, wo man in praktisch jeder Kirche fotografieren darf, nur eben nicht mit Stativ.

Das magische Hilfsmittel ist ein Kreisel. Leider sind solche Geräte so teuer, dass ihre Anschaffung, ja selbst das Mieten, für einen Amateur praktisch nicht in Frage kommt.

In der Ausgabe September/Oktober 2001 Photo Techniques wird über diese Vorrichtung berichtet.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser, im Physikunterricht von der stabilisierenden Wirkung eines Kreisels gehört zu haben. Man kann sie ausnutzen, indem man einen hinreichend massiven (3 bis 4 kg), durch einen Elektromotor zu schneller Rotation angetriebenen Kreisel fest mit der Kamera verbindet. Die Kreiselwirkung sorgt dafür, dass - so wird in dem zitierten Artikel berichtet - auch Aufnahmen aus Booten bei einer Geschwindigkeit von rund 60 km/h bei 1/15 s knackscharf werden. (Die Brennweite wird leider nicht erwähnt, war aber vermutlich deutlich länger als 50 mm. ) Für Aufnahmen mit 300 mm Brennweite aus dem Flugzeug wird ein Limit von 1/125 s angegeben. Schon beachtlich, nicht wahr? Schade, dass so ein Ding ab 2000 EUR aufwärts kostet!

Klick und fest - Schnellkupplungen

Die Bereitschaft zur Benutzung eines Statives steigt mit dessen Handhabungsfreundlichkeit. Sie glauben gar nicht, wie sehr mir die ständige Schrauberei auf den Nerv ging, wusste ich doch, dass im Hintergrund meine Tochter und meine Frau auf mich warteten. Es mag nicht billig sein, aber leisten Sie sich Schnellkupplungen, sinnvollerweise für jedes Gehäuse und jedes Teleobjektiv eine. Bei einer guten Schnellkupplung drücken Sie wirklich die Kamera nur eben auf's Stativ, und sie sitzt bombenfest. Die Stativköpfe namhafter Hersteller sind oft in zwei Varianten, d.h. mit Schraube oder Schnellkupplung, zu haben, und auch die Arretierungen kann man für bestehende Köpfe mit Schraube nachkaufen. Entscheiden Sie sich frühzeitig für ein System, bei dem Sie die Einzelteile ohne Probleme nachkaufen können, damit Ihre Ausrüstung ausbaufähig bleibt. 

Tabelle: Brennweitenumrechnung für verschiedene Formate

 

8x11 mm (Minox)

24x36 mm (KB)

4,5x6 cm

6x6 cm

6x9 cm

"Normal"
brennweite

15 mm

50 mm

75 mm

80 mm

105 mm

Gleiches Positivformat:
Zur Umrechnung auf entsprechende KB-Brennweite multipliziere tatsächliche Brennweite mit

 

3,5

-

0,6

0,6

0,4

Dann gilt die Daumenregel für die umgerechnete Brennweite.
Alternativ kann man die Verschlusszeit ändern um:

 

2 Blendenstufen kürzer

-

1 Blendenstufe länger

1 Blendenstufe länger

1 Blendenstufe länge