Kolumne

Mal ganz untechnisch:
Was ich ab und zu beim und übers Fotografieren denke


Thomas Wollstein
Oktober 2002


Nachdem ich jetzt für rund zwei Jahre ausschließlich technisch geprägte Artikel verfasst habe und man mir unlängst im Hobbylaborforum zu verstehen gab, dass man mir schon fast keine menschlichen Regungen zutraut, muss ich wohl, verehrte Leserinnen und Leser, einmal so tun, als sei ich ein Mensch. So sei es also:

Ich komme in die Kathedrale von Rouen, auf die ich mich als Fan gotischer Architektur schon lange gefreut habe. Wow! Ein toller Ausblick entlang des Langschiffs. In dieser Kathedrale sind anstatt der sonst häufig anzutreffenden Bänke Stühle aufgestellt, die lockerer wirken. Tolle Rosette über dem Portal, und auch die Orgel ist nicht so ein schlimmes Monstrum, das unter Vernachlässigung jeglicher gestalterischer Gesichtspunkte, allein zur Verherrlichung des Protzes, den Anblick zu sehr verunziert.

Also Rucksack vom Buckel, das Stativ abgenommen und aufgestellt. Das 28er Shift-Objektiv muss ans Gehäuse, die Wasserwaage auf die Kamera. Ausrichten. Um genug Schärfentiefe von den Stühlen im Vordergrund bis zur Rosette über dem Portal zu haben, muss ich kräftig abblenden (Unendliche Weiten). In der Kamera steckt der neue MACO PO 100 c, ein hochauflösender, aber nicht gerade schneller Film, also liegt die Belichtungszeit schon ohne Herrn Schwarzschild bei rund 8 Sekunden. Das Schwarzschild-Verhalten des Films kenne ich noch nicht, aber dass er 8 Sekunden ohne Reziprozitätsfehler schafft, scheint unwahrscheinlich. Also Belichtungsreihe 8, 12, 16, 24, 32, 48, 64 Sekunden (Fotografen machen's logarithmisch).

Drahtauslöser an die Kamera schrauben, Spiegelvorauslösung ist bei so langen Zeiten nicht unbedingt nötig (Verwacklung und Verreißen) (und bei meiner alten Nikon FM ist die Spiegelvorauslösung an den Selbstauslöser gekoppelt und damit bei Zeiten über 1 Sekunde ohnedies nicht einsetzbar), und Kli...

So'n Mist. Wo kommt denn die Herde Touristen nebst Führer her? Die waren doch die ganze Zeit während der Einstellerei nicht da! Müssen die ausgerechnet jetzt da rumstehen, ihre Videokameras in die Landschaft halten und den länglichen Ausführungen des Führers lauschen? OK, OK, die Leute haben auch Urlaub und wollen diese tolle Kirche sehen, aber müssen die genau jetzt genau da stehen? Frankreich ist schließlich groß!

OK, Geduld. Ist ja mein erster Urlaubstag. In zwei Wochen, wenn ich etwas entspannter bin, werde ich das sicher lockerer sehen. Also warten.

Weg sind sie. Klick. Auf die Uhr schauen, Sekunden zählen. Und eine Aufnahme ist im Kasten. Bleiben noch 6. Gut, dass gerade nicht so viele Touri-Herden hier sind! Mit ein bisschen Glück sind auch die Aufnahmen bis 24 Sekunden schnell im Kasten. Bei der 48-Sekunden-Aufnahme kommt doch tatsächlich nach rund 10 Sekunden einer hinter einer Säule hervor und trippelt da träumerisch lang. Bitte, Kerl, bleib nicht stehen! Nein, Glück gehabt. Er geht stetig weiter und wieder aus dem Bild. Da er nicht auffallend hell gekleidet war und nirgends verweilte, wird er auf dem Bild keine erkennbaren Spuren hinterlassen haben. Manchmal haben lange Belichtungszeiten auch etwas für sich.

Bei der 64-Sekunden-Aufnahme schlägt das Schicksal wieder hart zu: Ein Japaner tritt durch das Portal, schaut entlang des Portals, reißt seine Kompaktkamera hoch und löst genau in meine Richtung, und damit in mein Objektiv hinein aus - blitz! Toll. Das wird man in meinem Negativ sehen.

Was soll der Quatsch überhaupt? Hat an seiner blöden Knipse einen eingebauten Blitz mit vielleicht Leitzahl 12 und möchte damit ein Kirchenschiff von diesen Dimensionen ausleuchten. So'n Unfug. Auf seiner Aufnahme wird man vermutlich nicht viel erkennen. Die bringt also nix, außer dass ich nun meine Aufnahme wiederholen muss.

Diese Aufnahme ist sicher im Kasten, und nun kann ich mich weiter umsehen ...

 

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Bild 1: Rouen, Hauptschiff der Kathedrale; aufgenommen auf MACO PO 100c, bel. wie ISO 100/21°, entwickelt in LP-Supergrain 1+9; 3,5/28 mm PC-Nikkor, Bl. 16, Zeitbelichtung. Die stürzenden Linien habe ich bei diesem Foto nicht vollständig ausgeglichen. Zwar sollen leicht stürzende Linien immer einen störenden Eindruck machen, doch wirken absolut parallele Linien mitunter auch etwas unnatürlich. Es fällt mir schwer, es näher zu begründen, aber so gefiel mir der Blick am besten.

 

Einige Tage später in Caen, gegenüber vom Hôtel de Ville. Ich warte auf meine Frau und meine Tochter und genieße trödelnderweise die tief stehende Sonne. Vor mir am Straßenrand hält ziemlich abrupt etwas, das man bei lockerer Auslegung noch als Auto bezeichnen könnte. (Erstaunlich, was man mit ein bisschen Farbe alles zum Halten bekommt!) Wohl eine echte französische Bagnole (Nuckelpinne). Aus dem Gefährt steigen ein Typ in schmuddeliger Jeans und ebensolchem T-Shirt, mit einer selbst gedrehten Fluppe im Mund, und ein Junge von vielleicht 8 Jahren. Der Typ kommt auf mich zu. Durch mein Gepäck bin ich gut als Fotograf erkennbar, und die Chance wollen die beiden nutzen. Lächelnd, aber wortlos (Wahrscheinlich hält er mich für einen seiner Sprache nicht mächtigen und wohl auch leicht beknackten Touristen, bestimmt Amerikaner, wegen der Kamera.) hält er mir eine Einwegknipse entgegen und bedeutet mir in Zeichensprache, ich möge ein Foto von ihm und seinem Spross vor dem Hôtel de Ville machen. Dazu bauen sich die beiden schön am Straßenrand in etwa 10 m Entfernung von mir auf, die Sonne ist zu dieser frühen Abendstunde genau über dem Hôtel de Ville und den Köpfen der beiden. Ich lächle freundlich und mache das Foto. Der Mann sagt "Merci.", ich "Pas d'quoi.", er stutzt einen Augenblick, schwingt sich dann wieder hinters Steuer - der Motor läuft noch - und rauscht ab. Das Foto ist bei dem Gegenlicht sowieso nichts. Aber wer sich nicht einmal eine ganze Minute Zeit dafür nimmt, kann vielleicht auch nicht erwarten, dass er tolle Erinnerungsfotos bekommt. Woran will er sich überhaupt erinnern, an die Durchfahrt von Caen?

Klosterruine Disibodenberg im Nahe-Weinbaugebiet, Frühsommer 2002. In diesem Kloster hat sich zeitweise Hildegard von Bingen aufgehalten. Die Anlage ist beeindruckend groß und wunderschön ruhig im Wald gelegen. Das Wetter ist schön, und die durch das Blattwerk fallenden Sonnenstrahlen bringen die Textur der alten Steine und des Mooses darauf wunderschön heraus. Ich stehe in der Marienkapelle und denke gerade darüber nach, wie toll es aussehen könnte, mit dem 120°-Bildwinkel der Panoramakamera eine Hochformataufnahme des vor mir stehenden mächtigen Baumes zu schießen, von den Wurzeln, die sich 3 m vor mir in die Steine der Ruine krallen, bis zu seiner Krone in 15 m Höhe. Ich habe das Stativ aufgebaut und die Kamera ausgerichtet und auch das Licht schon gemessen, als eine Gruppe von rund einem Dutzend Touristen in die enge Umgrenzung tritt. Gottergeben setze ich mich erst einmal in eine Ecke und warte ab, denn während die überall herumlaufen, ist an Fotografieren nicht zu denken. Dabei habe ich die Muße, die Leute zu beobachten. Manchmal - so auch hier - entschädigt einen das für Wartezeiten. Folgende Szene spielt sich ab:

Der Führer spult seinen Monolog zur Geschichte des Ortes ab, aber ich merke, wie zwei Frauen sich etwas absondern und die eine, offenbar die erfahrenere in den geheimen Lehren, die Handflächen zu einer der aufgestellten Grabplatten kehrt und ihre Begleiterin fragt: "Fühlst du es? Da ist dieses Prickeln..." Die Begleiterin ist noch etwas unsicher, will aber wohl nicht das Gesicht verlieren. Auch ist ihr vielleicht die Aufmerksamkeit der anderen Mitglieder der Gruppe, die doch ein wenig neugierig schauen, unangenehm. Sie äußert nur ein schwächliches "Hmm." Mittlerweile hat eine dritte Frau aus dem Rudel die Witterung aufgenommen und stellt sich publikumswirksam in die Mitte der Kapelle und proklamiert, an niemanden direkt gewandt, aber in einer Lautstärke, dass es sicher alle in der Gruppe hören: "Hier kann ich nicht bleiben! Das ist ja wie 1000 Nadelstiche! Diese Energie!" So nach und nach spüren auch andere "es". Ein paar gucken die Spürer nur etwas zweifelnd an und schauen dann weg. Ich denke mir "Gut, dass du so dickfellig bist und absolut keine Antenne für das Übernatürliche hast, sonst müsstest du, während du hier darauf wartest, dass das Schussfeld wieder frei wird, auch noch die ganzen Nadelstiche einstecken. Die 'Energie' wird doch wohl nicht den Film verschleiern?"

Meine Fotos konnte ich nachher in Ruhe machen. Bei einem weiteren, einem Ausschnitt aus einer der erwähnten Grabplatten, den ich mit der Kamera auf dem Stativ und dem 200er Tele aufnehme, weil er in 2,5 m Höhe über dem Boden liegt und ich ihn einigermaßen verzeichnungsfrei haben möchte, kommt ein Fotografenkollege in die Kapelle. Er schaut sich ungefähr 5 Sekunden lang um, mustert etwas kritisch meinen Aufbau und bemerkt dann mit einem Kopfnicken in Richtung meines Motivs "Schönes Bild." Fachmännisch merkt er an: "Sie nehmen sicher 400er Film." In meiner Kamera steckt aber Agfa Copex Rapid, und meine Antwort "Nee, ISO 25." ruft ein leicht verunsichert klingendes "Ah ja." hervor. Dann zückt er mit einer Hand seine vollautomatische, hypermodern designte Spiegelreflex, wirft einen kurzen Blick durch den Sucher auf die Grabplatte und drückt ab. Er verzieht sich ohne ein weiteres Wort.

 

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Bild 2: Klosterruine Disibodenberg, Marienkapelle, Detail aus einer Grabplatte vermutlich eines Bischofs; aufgenommen auf Agfa Copex Rapid, bel. wie ISO 25/15°, entw. in SPUR Nanospeed, 2,8/80-200 mm Apo-Sigma, Belichtung nicht notiert. Der Ausschnitt liegt in ungefähr 2,5 m Höhe über dem Boden, so dass das Teleobjektiv nötig war, um genügend Abstand zu gewinnen, um unangenehm stürzende Linien zu vermeiden.

 

Da fragt man sich doch, warum unsereins mit schwerem Gepäck und Stativ durch die Lande zieht, wenn man ein schönes Motiv so einfach aufnehmen kann. Liegt wahrscheinlich daran, dass meine Kameras teilweise nur wenig jünger sind als ich. Ich muss mir auch einmal so ein modernes Ding zulegen! Letztendlich machen wir es uns doch nur schwer: Ausgefeilte Aufnahmetechnik, selbstverständlich alles manuell, denn wer traut schon einer Maschine. Belichtungsmessung, selbstverständlich Spotmeter und Zonensystem. Schließlich kann doch keine noch so gute Messung mit 7 Quadrillionen Messpunkten wissen, was ich in dem Bild sehe. Zwar ist es oft genug, speziell bei KB-Film doch so, dass wir in erster Linie auf den Schattenwert gucken und danach belichten (und das könnte eine dumme Automatik auch), aber es ist schließlich nur ein Computer! Wegen des feinen Korns nutzen wir gering empfindlichen Film. Das bedeutet, dass wir auch noch ein Stativ mitschleppen müssen. Fine Printing (auf Barytpapier, das in der Handhabung und Verarbeitung von der Stiftung Warentest ein glattes "Mangelhaft" bekäme). Die Filme und auch die Papiere entwickeln wir in schlecht belüfteten, dunklen Räumen, in denen in offenen Schalen gesundheitlich bedenkliche Chemikalien herumstehen (Stiftung Warentest "Mangelhaft" hinsichtlich der Sicherheit). Und wozu das Ganze: Ein einhändiger Klick mit einer modernen Kamera, nach dem Urlaub den Film im Drogeriemarkt entwickeln und die Bilder in 9x13 abziehen lassen. Fertig. Guckt man sich sowieso vermutlich nur ein paar Mal mit Bekannten an, um anzugeben. Dann ab ins Album damit.

Immerhin, wird vielleicht meine Frau jetzt anmerken, hat man dann ein Album. "Du brauchst ja immer Monate, bis du die Urlaubsbilder fertig hast." Der Fairness halber sei erwähnt, dass meine Frau das nie sagen würde. (Vielleicht denkt sie es?) Aber Recht hätte sie.

So schön es manchmal wäre, ein tolles Bild mit weniger Mühe zu bekommen: Die Mühe, oder besser: die Bemühungen um das Bild lassen mich das Motiv selber und den Ort, an dem ich fotografiere, intensiver empfinden. Ich sehe immer mit Schrecken jene Touristen vor mir, die einen Ort nur über das Display ihrer Videokamera sehen. Sie haben nicht die Zeit sich umzusehen und in Ruhe ein paar Einstellungen zu planen, weil sonst der Führer der Tourigruppe schon bei der nächsten Sehenswürdigkeit ist. Sie stehen unter immensem Zeitdruck, weil sie alles auf Video dokumentieren müssen um zuhause damit angeben zu können, dass sie da waren. (Waren sie es wirklich?) So haben Sie keine Zeit, den Ort selbst wahrzunehmen.

Manchmal werde ich daher sogar schon meiner geliebten Fotografie abtrünnig und zeichne. Vielleicht schaffe ich es sogar eines Tages, die Kamera zuhause zu lassen? Eines Tages vielleicht.