Kolumne

Wie bitte? Wie viel soll das kosten?

Wieder vorneweg: Nachträge zu den "Tipps und Tricks"


Thomas Wollstein
Februar 2004


Ich freue mich, dass doch der eine oder andere Leser sich die Zeit genommen hat, Kontakt mit mir aufzunehmen und mir auch seine Tipps mitzuteilen, auf dass mehr Leute von guten Ideen profitieren können. Daher auch in dieser Kolumne wieder ein paar Nachträge und meine Bitte, nicht damit hinter dem Berg zu halten, wenn Sie gute Ideen haben, die vielleicht auch anderen helfen. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich alles veröffentliche, was kommt, aber ich bin guten Willens.

Zum Stichwort "Sauberes Negativ" schrieb mir Herr Oliver Ulrich:

Thema: Wie bekomme ich ein sauberes Negativ / eine saubere Bildbühne?
Antwort: Mit dem "Kamelhaarpinsel Delta 1"!
Das Ding ist zwar teuer, aber bei mir funktionierts!
Link: http://www.fotoimpex.de

Ich muss gestehen, dass meine eigenen Erfahrungen mit Pinseln aller Art nicht besonders positiv waren, da die meisten Pinsel im Laufe der Zeit Schmier ansammelten, der Spuren auf dem Negativ hinterließ. Auch dem kann man natürlich durch regelmäßige Reinigung mit einem Lösungsmittel entgegenwirken. Den positiven Erfahrungsbericht wollte ich Ihnen jedoch nicht vorenthalten.

Merkwürdiger Zufall: Noch ein Herr Ulrich, diesmal Olaf Ulrich, schrieb zum Thema "Duka lichtdicht machen":

Ein billiges und in (fast) jedem Haushalt vorhandenes, absolut lichtdichtes Material ist Haushalts-Aluminiumfolie. Um ein Fenster abzudichten, bastele man sich aus Zeitungspapier und Klebefilm einen papiernen Träger in passender Größe (am besten mehrlagig für bessere Festigkeit) und kaschiere diesen dann mit einer Lage Aluminiumfolie. Einfacher, lichtdichter und billiger geht's nicht.

Statt Zeitungspapier kann man natürlich auch einen großen Pappkarton o. dgl. nehmen...

Auch dazu noch etwas von mir: Eine flexible Verdunklung aus Alu-Folie dürfte nicht praktikabel sein, da die Folie zu schnell brechen würde. Aber eine entfernbare Verdunklung mit folienkaschierten Pappen klingt gut.

Aber es gibt noch weitere Materialien, die man nicht aus dem Auge verlieren sollte:

Herr Ulrich hat mich an meine Diplom-Arbeit in der Festkörperspektroskopie erinnert. Mein dortiges Labor, vollgestopft mit Gerätschaften, die auf Temperaturschwankungen mit Dejustierung reagierten, hatte riesige Fensterflächen und lag – natürlich – nach Süden. Da wir ohnedies immer im Dunkeln messen mussten und die Wärme auch nicht gebrauchen konnten, haben wir damals kurzerhand alle Fenster mit selbstklebender Alu-Folie verklebt. Einfacher als von Herrn Ulrich beschrieben, geht also vielleicht, aber das Zeug war natürlich recht teuer, aber es war ja eine dauerhafte Angelegenheit.

Eine preiswertere, begrenzt flexible Verdunklung kann man sich aus den im Baumarkt erhältlichen Rollen Alu-kaschierten Hartschaums basteln. Dieses Material ist als Wärmedämmstoff und Strahlungsreflektor hinter Heizkörpern gedacht. Es ist nicht besonders teuer und erspart es einem, sich selber damit herumärgern zu müssen, dünne, je nach Marke extrem reißfreudige Folie auf einen Träger kleben zu müssen.

Zu guter Letzt Herr Stefan Schmitz:

Ich gehöre noch zu den Menschen, die Ihre Abzüge (meist PE) auf der Leine trocknen. Da die Leine in der Dunkelkammer hängt, stoße ich manchmal dagegen. So ist es schon mal passiert, dass der ein oder andere Abzug "zu Boden ging" und natürlich danach unbrauchbar war.

Jetzt bin ich durch Zufall auf eine Lösung gestoßen (das ist jetzt ernst gemeint!): Kleiderbügel für Hosen. Ich meine die, wo an einer waagerechten Stange zwei verschiebbare, gummierte Klammern befestigt sind. Die halten echt bombenfest, und weil sie verschiebbar sind, passen sie auf viele Formate, und man kann sie so schieben, dass immer eine Ecke des Abzugs zum Abtropfen tiefer hängt. Das beste aber ist, dass die Dinger ja nichts kosten. Einfach im Laden fragen!

Ob das Gummi das Papier "angreift" weiß ich natürlich nicht, aber da ich fast ausschließlich mit Rand vergrößere, dürfte das nicht das Problem sein.

Die Druckstellen sieht man tatsächlich nach dem Trocknen. Aber gerade PE-Papier sollte man sowieso mit Rand vergrößern und hinterher zuschneiden, denn in die Schneidkanten dringt immer Chemie ein, die auch nach längerem Wässern nicht wieder heraus bekommt, denn PE-Papier wird Dank der PE-Laminierung nicht gut vom Wasser durchdrungen. (Und wirklich langes Wässern ist für PE-Papier nicht gut; es kann sich die Laminierung lösen.) Irgendwann fangen die eindiffundierten Substanzen dann an zu oxidieren und sich zu verfärben. Bei Baryt ist das kein Problem, da es keine Sperrschichten hat und folglich vollkommen durchweicht, aber auch wieder vollkommen durchwässert wird.

Ich selber verwende zum Trocknen von PE-Bildern Wäscheklammern, die ich mit einem Haken aus Blumendraht versehen habe. (Einfach einen hinreichend langen, dünnen Blumendraht durch die Feder schieben und S-förmig verbiegen.) Mit dem Haken hänge ich das Bild dann an eine Leine o.ä. Für alles außer großen Formaten reicht eine Klammer, und die Bilder hängen, an nur einer Ecke aufgehängt, immer schräg. Nehmen Sie Holz-Wäscheklammern, denn die Plastikdinger halten a) wegen des glatten, zahnlosen Mauls und b) weil sie oft nicht richtig schließen, nicht so sicher. Bei großen Bildern, ab 30 x 40 cm, empfehlen sich zwei Klammern, damit nicht durch das Gewicht des Bildes ein Knick oder gar Abriss auftritt. Wenn das Bild dann nicht schräg hängt, ist das auch kein Problem, denn sollten sich Trockenränder bilden, liegen die auch im Randbereich, und der wird wie erwähnt abgeschnitten.

Baryt auf der Leine zu trocknen halte ich für keine gute Idee. Dadurch, dass das Papier unter ungleichmäßiger Spannung trocknet, verzieht es sich mitunter so unangenehm, dass es fast nicht mehr glatt zu bekommen ist. Bei Baryt empfehle ich Ihnen die Vortrocknung (vor Retusche usw.) liegend auf einem Tuch und die endgültige Trocknung aufgespannt. Dazu vielleicht später mehr. Vielleicht kann ich ja einen alten Meister überreden, für diese Kolumne darzustellen, wie er seine großen Baryt-Prints glatt kriegt.

Aber jetzt zum Thema dieses Monats:

Zu Anfang: eine biographische Geschichte

Vor einigen Jahren bestritt die Ballettschule, in der meine Tochter regelmäßig übt, eine Aufführung im Rahmen des Düsseldorfer Altstadtherbstes. Als liebender Papa wollte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen, und als SW-Fotograf reizte mich das Thema zudem. Also schoss ich während der Vorstellung eine Menge Bilder. Andere Eltern, die das mitbekommen hatten, baten mich, die Fotos doch herumzuzeigen und wollten hernach natürlich Abzüge. („Hach, das sind aber tolle Bilder!“ Und: „Ich finde für Ballett Schwarzweiß sowieso schöner als bunt.“) So weit so gut. Ich setzte also einen Preis fest, von dem ich dachte, dass er hinreichend hoch sei, um die Anzahl der Nachbestellungen nicht zu groß werden zu lassen. Schließlich musste ich alles in Handarbeit erledigen. Jeder Abzug war ein Handabzug, der teilweise erheblichen Aufwand an Nachbelichtung und Abhalterei erforderte. Bühnenlicht ist schließlich nicht das einfachste. Von Retusche wollen wir mal gar nicht reden.

Sie ahnen, was passierte? Trotz des Preises bestellten die Eltern wie wild. 120 Kinder hatten an der Aufführung teilgenommen, und so musste ich eine Menge Abzüge in „Fließbandarbeit“ erstellen. Es kam mir zugute, dass ich alle Abzüge auf demselben Papier angefertigt hatte und immer detailliert notiert hatte wo mit welcher Gradation und wie lange nachzubelichten war. Dennoch war das Ganze eine ganz und gar unerquickliche Erfahrung. Tage (oder, da ich einen normalen Bürojob habe und die Duka nur Hobby ist, eher Nächte) in der Duka nur mit Sklavenarbeit! Der Preis für einen Abzug war ganz offensichtlich zu gering gewählt, denn trotz der unerwartet hohen Einnahmen konnte ich das Ganze doch nicht als ausreichende Entschädigung für die öde Schufterei in der Duka empfinden. War eben keine wirkliche Vollkostenrechnung, denn in die wäre neben dem Material auch die Zeit mit eingeflossen.

Bei derselben Aufführung war noch jemand mit Kamera zugegen. Die Dame (Unterstellen Sie mir bitte keinen Chauvinismus; ich kann nichts dafür, dass es eine Dame war!), deren Namen ein Fotogeschäft in teurer Lage in unserer Stadt ziert, hat in irgendeinem fotografischen Beruf eine Lehre absolviert, aber die Fotos, in Farbe und mit einem vollautomatischen Knipskasten mit eingebautem Blitz nach Maschinengewehrart aufgenommen und im 1-Stunden-Labor vergrößert, waren aus meiner Sicht technisch und ästhetisch von so erbärmlicher Qualität, dass ich sie niemandem gezeigt hätte. Dennoch kauften die Eltern auch diese Bilder wie wild. Die Kriterien sind eben bei liebenden Eltern andere als bei Fotografen. Und was die Diskussion um irgendwelche Berufsbezeichnungen betrifft... Lassen wir das lieber!

Die Schlussfolgerung der ganzen Geschichte ist für mich die: Wenn man als Einzelkämpfer irgendwo fotografiert und die Gefahr besteht, dass eine größere Zahl von händisch zu fertigenden Abzügen nötig wird, sollte man sich gut überlegen, ob man das leisten kann und will. In aller Regel lohnt es den Aufwand nicht, wenn man „zivile“ Preise für seine Fotos nehmen will.

Nur zur Sicherheit: Ich wäre nicht so vermessen, meine Prints von der damaligen Vorstellung als Master Prints zu bezeichnen. Aber dennoch zurück zur eingangs gestellten Frage: Wie teuer kann denn so ein Master Print werden?

Was ist denn überhaupt ein Master Print?

Ich will mich mal an einer Definition versuchen:

Ein Master Print ist ein qualitativ hochwertig verarbeitetes Foto.

Jeder Satz mehr bringt mehr Probleme. Schon diese Definition selbst enthält deren eine Vielzahl. Es ist viel leichter, nach Art eines Zen-Mönchs zu definieren, was man nicht meint, als zu präzisieren, was man meint. „Qualitativ hochwertig verarbeitet“

(1) heißt für mich nicht zwingend, dass es ein Barytprint sein muss, oder
(2) dass es ein analoger Print sein muss.
(3) Gute Aufnahmequalität (Schärfe, richtige Belichtung usw.) kann man auch nicht zum übergeordneten Kriterium machen, 
(4) mit inhaltlicher Ästhetik hat sie rein gar nichts zu tun.

Zu (1): Die Geschworenen sind sich nach wie vor noch nicht einig, ob Barytprints nun stabiler sind als PE-Prints oder doch nicht. Barytprints können nachweislich 100 Jahre alt werden, das zeigen genug existierende alte Fotos. PE-Papier hat es vor 100 Jahren noch nicht gegeben.

Tatsache ist aber auch, dass Verarbeitung von Barytpapier bietet mehr Spielraum für Fehler bietet als die von PE-Papier. Die frühen PE-Papiere zerfielen durch Versprödung der PE-Versiegelung, durch Gilb, der dadurch zu Stande kam, dass in die Emulsion eingelagerte Entwickleragenzien durch die Versiegelung hindurch in den Träger diffundierten und dort oxidiert wurden u.a.m. Die modernen PE-Papiere sind nach den übereinstimmenden Aussagen der Hersteller mindestens ebenso archivtauglich wie Barytpapiere. Diese Aussage basiert auf Erfahrungen und auf so genannten Schnellalterungstests. Solche Tests haben aber immer eine Kinke: Wenn die zu Grunde liegenden Annahmen über den Alterungsmechanismus nicht zutreffen, sind die Resultate nicht aussagekräftig. Das heißt im Klartext: Wenn die Chemiker einen möglichen chemischen Mechanismus der Papieralterung nicht gesehen haben, der vom Test nicht berührt wird, kann es sein, dass das Papier trotz toller Resultate beim Schnellalterungstest in 20 Jahren zerkrümelt.

Schweifen wir kurz ab, um ein Beispiel zu geben: Als einen schädigenden Einfluss auf die Tinten von Tintenstrahldruckern hat man z.B. Licht ausgemacht. Da nun ein Konzern wie Epson nicht einfach ein Bild in einem gut beleuchteten Raum an die Wand hängen 100 Jahre warten kann, bevor er einen Tinte auf den Markt bringt, der er eine Lichtbeständigkeit von 100 Jahre attestiert, verfährt man in aller Regel nach dem Motto „Viel hilft viel“ und setzt Probeprints extrem hellem Licht aus. Grob vereinfacht geht man dann davon z.B. aus, dass der Print bei „normalem“ Licht 100 Jahre hält, wenn er bei 100mal so hellem Licht ein Jahr hält. Wenn jetzt aber der Zerfallsprozess z.B. durch eine Umweltchemikalie (z.B. aus Autoabgasen) stark beschleunigt wird und man beim Schnellalterungstest nicht auch diese Chemikalie in entsprechender Menge vorgesehen hat, ist der Test so gut wie wertlos. Ebenfalls unberücksichtigt würde in unserem einfachen Test ein Zerfall des Papiers selbst durch Feuchte oder andere Faktoren bleiben.

Aber ob Beständigkeit überhaupt ein Kriterium für ein Kunstwerk ist, mag spätestens seit der Fettecke von Beuys dahingestellt sein. Ich persönlich würde sie bei einem Foto, dessen Wert zum Teil dokumentarischer Natur ist, auf jeden Fall fordern.

Die fotografische Qualität der PE-Papiere ist ebenfalls inzwischen mindestens so gut wie die von Barytpapier. Spätestens aber dann, wenn das Bild unter Glas steckt, kann Ihnen kein Experte mit mehr als 50%iger Wahrscheinlichkeit sagen, ob es auf PE- oder Barytmaterial vergrößert ist. (50% ist die Trefferwahrscheinlichkeit, die Sie haben, wenn Sie zwischen zwei Möglichkeiten blind wählen.)

Zu (2): Nachdem die ersten Computerausdrucke nicht nur qualitativ minderwertig waren (Schließlich waren Farbdrucker zunächst nur für farbige Charts, Folien und ähnlich kurzlebiges Bürozeugs gedacht.), sondern auch nur kurze Zeit ansehnlich blieben, hat sich viel getan. Ausdrucke können inzwischen nicht nur Dichtewerte erreichen, die mit denen von Fotopapier vergleichbar sind, die Tonwertwiedergabe genügt heute auch hohen bis höchsten Ansprüchen, und Digitalausdrucke können – entsprechende Paarung von Papier und Tinte angenommen – auch von gleicher oder sogar besserer Langlebigkeit sein als nasschemisch erzeugte. Auf jeden Fall kann hier der Fotograf kaum etwas falsch machen, das die Langlebigkeit seines Prints in Gefahr bringen könnte. (Ausnahmen sind höchstens Fixativsprays, die vor UV-Licht schützen sollen. Manche dieser Sprays schützen zwar vor UV-Licht, reagieren aber selber mit den Farbstoffen der Tinten und versauen so das Bild.)

Zu (3): Je nach Bildinhalt (z.B. Reportage mit Live-Charakter) kann Fehlbelichtung oder auch mangelnde Schärfe oder auch fast jeder andere technische Fehler zu einer Steigerung der Bildaussage führen, so dass man sie nur eingeschränkt als Kriterium verwenden kann.

Zu (4): De gustibus non est disputandum – über Geschmack lässt sich nicht streiten. Vieles, was schlauere Leute als ich als meisterhaftes Foto ansehen, ist aus meiner – zugegeben intoleranten und stückweise zynischen – Sicht nicht das Papier wert, auf dem es vergrößert wurde. Manches möchte ich nicht sehen, aber ich kann mich ihm nicht entziehen. Hier öffnet sich daher ein weites (Minen-)Feld, das ich nicht betreten möchte.

Wodurch wird denn nun ein Foto zum „qualitativ hochwertig verarbeiteten“ Master Print? Natürlich kann jeder „Fehler“ auch ein Stilmittel sein, da Kunst gerade davon lebt, Regeln zu brechen. Diesen Vorbehalt mögen Sie im Kopf behalten. Aber aus meiner Sicht sollte ein Master Print eine hohe handwerkliche Qualität aufweisen. D.h. dass das Bild liebevoll verarbeitet sein sollte. Bildfehler wie Staub, Kratzer usw., schludrige Verarbeitung, die die Beständigkeit gefährdet, nicht anständig getrocknete, wellige Bilder usw., all dass sind Aspekte, die ich bei einem Master Print nicht dulden würde. Das stellt aber gerade mal einen Mindeststandard dar.

Muss die Herstellung eines Master Prints aufwendig sein und Dutzende von Nachbelichtungen und Retuschen involvieren? Muss sie nicht! Man kann durchaus auch Negative erzeugen, die schon als „straight prints“ nicht mehr verbesserungsfähig sind. Das kann nicht nur ein Meister unseres Fachs, sondern auch ein Amateur mit Glück. Was aber den Glückstreffer vom Meisterbild unterscheidet, ist der Aspekt der Konsistenz. Ein Meister erzeugt nicht ausschließlich, aber immer wieder Meisterbilder, während Glückstreffer meist Einzelereignisse sind und bleiben. Demnach wäre nach meiner Definition ein absolut tolles Glückstreffer-Bild, wie gut es auch aussehen mag, kein Master Print! Ich halte das aber nicht für einen Fehler der Definition, denn mit einem Glückstreffer wird man nicht zum Meister. Die Bezeichnung „Meister“ beinhaltet nach meinem Empfinden auch den Aspekt der Kontinuität in der Beherrschung der Elemente des Handwerks.

Eine schwierige Rolle bei der Frage, ob etwas ein Master Print ist oder nicht, spielt die Auflagenhöhe. Nach meinem Verständnis kann ein Massenprodukt kein Master Print sein. Das würde dafür sprechen, jegliches digitale Produkt, da es ja im Grundsatz in unbegrenzter Auflage reproduzierbar ist, gleich auszuschließen. Aber auch die digitale Erzeugung eines Bildes kann erheblichen Aufwand beinhalten und Zeugnis über Meisterhaftigkeit ablegen. An dieser Stelle scheint es mir unmöglich, eine scharfe Grenze zu ziehen. Ich denke, das wird der Markt selber regeln. Schließlich stand man z.B. bei Radierungen einmal vor demselben Problem. Ein Kunstwerk wird, ganz im Einklang mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, um so teurer, je geringer seine Auflage, und so gab es durchaus Fälle, wo die Druckplatten nach Anfertigung einer limitierten Auflage eines Drucks zerstört wurden. Ein digitales Analogon bestünde darin, nach Ausdruck einer bestimmten Anzahl von (möglichst benummerten und signierten) Kopien die Datei nebst allen gesicherten Versionen zu löschen.

Nachdem wir nun, wenn auch noch mit gewissen Unsicherheiten geklärt haben, was ein Master Print ist, gleich die nächste Frage:

Was ist ein Vintage Print?

„Vintage“ kommt m.W. aus dem Weinbau und bedeutet „Jahrgang“. Die Definition des Vintage Prints liegt also nahe:

              Ein Vintage Print ist ein Print, der in zeitlicher Nähe zur Aufnahme erzeugt wurde.

Was hat der Jahrgang mit einem Foto zu tun? Vintage Prints berühmter Fotografen werden wie Jahrgangssekte i.d.R. zu höheren Preisen gehandelt als spätere Abzüge. Das ist so, weil man in der Tatsache der zeitlichen Nähe ein Indiz dafür sieht, dass der Vintage Print eine größere Ursprünglichkeit aufweist als ein vom selben Negativ später erzeugter Print. Eine scharfe Grenze für die zeitliche Nähe gibt es m.W. nicht. Da es üblich ist, auf dem Bild aus Gründen des Urheberrechtsschutzes die Jahreszahl der Herstellung zu vermerken, kann man in erster Nähe davon ausgehen, dass ein Vintage Print im selben Jahr vergrößert wurde, in dem das Negativ aufgenommen wurde.

Vintage Prints sind nicht unbedingt die technisch besten Prints von einem gegebenen Negativ. Da sich innerhalb der letzten Jahrzehnte die Vergrößerungsoptiken und in noch viel höherem Maß die Papiere verbessert haben, könnte ein Fotograf wie Ansel Adams, wenn er bestimmte Negative heute noch einmal vergrößern würde, sicher technisch bessere Prints erzeugen, aber diese hätten ihre Ursprünglichkeit, den direkten Bezug zur Aufnahmesituation, zur Persönlichkeit, zum Können und zum Stil des Fotografen zur Zeit der Aufnahme, verloren.

Es bleibt aber dabei, dass bei Foto-Auktionen Vintage Prints in aller Regel teurer sind als spätere Abzüge oder gar undatierte. Wenn Sie gedenken, einmal berühmt zu werden, denken Sie (auch im Sinne Ihrer Erben) also jetzt schon daran, in dokumentenechter Tinte Daten auf Ihren Prints zu vermerken und diese zu signieren.

Wie hoch sind denn nun die Preise für Fotos?

Eine Orientierung liefern Auktionskataloge wie der von Dietrich Schneider-Henn in München. Der, den ich vor kurzem in den Fingern hatte, lieferte einen breiten Querschnitt von anonymen Fotos von Anno Dazumal bis hin zu eigenhändigen Prints bekannter Größen wie Araki, Feininger, Steinert, Vogel, um nur ein paar zu nennen (in alphabetischer Reihenfolge, keine Wertung beabsichtigt). Während die anonymen Prints mit Startpreisen ab 100 bis 200 Euro gelistet waren (teils einfach deswegen, weil sie alt sind und damit „Geschichte“ darstellen), waren die Preise für die Prints der „Großen“ durchweg vierstellig. Die Spitze hielt ein Steinert-Print mit einem Startpreis von EUR 9.000.

Davon können die meisten von uns beim Verkauf eines Bildes nur träumen. Gängigere Preise für hochwertige Vergrößerungen liegen wahrscheinlich im Bereich von EUR 20 bis 40 für eine 18 x 24-Vergrößerung PE-Papier bis hin zu EUR 200 bis 400 für eine solche im Format 40 x 50 cm auf Baryt, um einmal die Enden der Skala zu beleuchten.

Was sagen die Kunden dazu?

Das hängt von den Kunden ab. Otto Normalverbraucher besitzt selber eine Knipskamera (analog oder digital – egal) und kennt die Plakate vom Drogeriemarkt an der Ecke, auf denen „brillante Abzüge“ für 1 Cent angeboten werden. Für das „schöne Foto“ von seiner Enkelin im Kindergarten, für das Sie Stunden in unbequemer Haltung zwischen lärmenden Kindern im Sandkasten verbracht haben und nach dem Sie hinterher ihre Kamera wegen der Knirschgeräusche zur Reparatur bringen mussten, für dessen Vergrößerung Sie schließlich einige Zeit in der Duka und hinterher am Retuschepult verbracht haben (All das weiß er nicht!), wird er Ihnen sicher ein paar Euro „Gewinn“ gönnen. Er wird also nicht meckern, wenn der 18 x 24-Abzug (Oh, so groß!) 5 Euro oder 10 Euro kostet, aber 20 bis 30? Er wird auch in den allermeisten Fällen nicht so sehr auf die technische Ausarbeitung des Prints gucken, da er vom Inhaltlichen mehr angetan ist. Das macht Sie als künstlerisch ambitionierten Fotografen nicht glücklich, aber Sie sollten es berücksichtigen. Insbesondere dann, wenn Sie Bilder ohne formelle Fotografiererlaubnis aufnehmen, kann es wichtig werden. Streng genommen dürfen Sie nämlich Bilder von Menschen nicht ohne deren Zustimmung (oder die Zustimmung der Erziehungsberechtigten im Falle von Kindern) veröffentlichen. Und eine „Veröffentlichung“ ist es im strengen juristischen Sinne auch, wenn Sie im Kindergarten eine Mappe herumgehen lassen, nach der die Kinder oder Eltern die Fotos bestellen können. Wenn sich jetzt jemand, der das Stichwort vom „Recht am eigenen Bild“ nur einmal am Rande gehört hat, ärgert, weil scheinbar jemand an einem Bild von seinem Kind richtig viel Geld verdient...

Wenn Sie also hinsichtlich der Preise in dieser Liga spielen wollen, tun Sie gut daran, sich vorher der Zustimmung der Beteiligten zu versichern und diese nötigenfalls auch durch die (dann aber auch einzulösende) Zusage zu erkaufen, ihnen hinterher ein Bild zu schenken. (Es muss ja kein 50 x 60-Barytprint sein.) Muss ich noch extra erwähnen, dass Sie auch tunlichst Sorge tragen sollten, dass die Bilder nicht zu schnell irgendwelchen Umwelteinflüssen zum Opfer fallen? (Ich erlaube mir an dieser Stelle einen Verweis auf meinen Artikel zur archivfesten Behandlung von Prints, siehe Archivfeste Tonungen). Unzufriedene Kunden sind schließlich auf die eine oder andere Weise des Freischaffenden Tod.

Tod – dieser etwas zynische Einschub sei gestattet – ist übrigens auch ein Weg, seine Fotos teurer zu machen. Die meisten Kunstwerke werden erst nach dem Ableben des Künstlers so richtig teuer. Pech, dass Sie dann nichts mehr davon haben!

Sehen Sie auch davon ab, 2.-Wahl-Fotos zu verschenken oder zu reduzierten Preisen zu verscherbeln. Wenn Sie den Sprung wagen, Ihre Fotos zu verkaufen, um Geld zu verdienen, verkaufen Sie nur 1a-Qualität mit Brief und Siegel. Irgendwer sieht sonst den verschenkten Ausschuss irgendwo an der Wand hängen und findet womöglich auch noch heraus, dass das Bild von Ihnen ist. Was das für Ihr Image bedeutet, sollte klar sein.

Wer auf der anderen Seite ein Bild als Kunstwerk ersteht und sich daher des ideellen Wertes bewusst ist, wird höhere Preise eher schlucken, sich möglicherweise sogar als Mäzen fühlen. Denn schließlich gehen die meisten Leute doch unbewusst von dem alten Sprichwort aus „Wat nix kost’, is auch nix!“

Schlusssatz

In Anspielung auf eine mir langsam, aber sicher, auch nicht immer, aber immer öfter auf den Wecker fallende Serie einer Radiostation schließe ich meine Überlegungen mit den Worten: „Und nun kennen Sie diewahre Geschichte.“ Ich hoffe dabei, dass es Ihnen mit meinen Artikeln auf die Dauer nicht ebenso geht wie mir mit besagter Serie: Vor vielen Jahren, als die Geschichten noch nicht so oft gesendet wurden, waren sie oft witzig und interessant. Heute, da offenbar jeden Tag ein paar davon ausgestrahlt werden, wirkt das Ganze etwas gezwungen. Sollte sich Ihnen bei der Lektüre meiner Kolumne derselbe Eindruck aufdrängen, so lassen Sie’s mich wissen, am besten gleich mit Nennung eines absolut prickelnden Themas für eine noch zu schreibende Kolumne, die Sie interessieren würde. Bedenken Sie dabei aber bitte, dass auch ich Amateur bin und diese Kolumne unbezahlt schreibe. Mein Forschungsetat ist also begrenzt.