Kolumne

Glück gehabt!


Thomas Wollstein
Mai 2004


Auf Englisch hieße die Überschrift „I was lucky!“, und in der Tat muss ich sagen, dass ich Glück gehabt habe. Durch Unerwartetes im privaten Bereich hatte ich viel weniger Zeit als erhofft, um die für diesen Artikel nötigen Tests durchzuführen. Nun hatte ich Ihnen aber versprochen, Ihnen diesen Monat einen Bericht über neue, sehr preisgünstige SW-Filme zu bieten.

Glück im Unglück: Ich hatte schon im Vorfeld zwei vielen meiner Leser bekannte Experten, Herrn Borgerding und Herrn Jangowski, gefragt, ob Sie interessiert wären, die Filme auch zu testen. Bekanntlich hat jeder andere Ansprüche, und so ist es sicher nicht schlecht, wenn nicht nur einer testet. Dass in diesem Fall dieser Artikel nur deswegen erscheinen kann, weil die Beiden sich der Aufgabe, die Filme auf Herz und Nieren zu testen, in verdienstvollster Weise angenommen haben, obwohl auch Sie bestimmt nicht unterbeschäftigt sind, dafür möchte ich auf diesem Wege Herrn Borgerding und Herrn Jangowski herzlich danken. Das Inhaltliche dieses Artikels ist daher in der Hauptsache das Verdienst der Beiden, die redaktionelle Aufbereitung und eventuelle Fehler stammen von mir.

Zum Thema:

Billigfilme bisher …

Bislang kamen die meisten Filme „im unteren Preissegment“ („billig“ klingt doch sehr anrüchig.) aus dem Osten, sprich von Forte, Foma und Konsorten. An der Himmelsrichtung ändert sich nichts, nur an der Entfernung: Die Filme, die ich Ihnen vorstellen möchte, kommen aus dem Reich der Mitte, d.h. aus China, und schmücken sich mit dem Namen Lucky (siehe Vorspann).

Lucky gibt’s seit 1956, und seit ein paar Jahren könnte die Firma man witzelnd als „Kodak auf Chinesisch“ übersetzen: Kodak hat m.W. eine nicht unerhebliche Aktienbeteiligung, und die Fabrikausstattung ist nach Informationen aus gut unterrichteten Quellen vor nicht allzu langer Zeit modernisiert worden. Lucky produziert nun unter Kodak-Lizenz Filme und Papiere.

Ich bin durch Kontakte in England auf diese Filme gestoßen und bekam das Angebot, die Filme zu testen und darüber zu schreiben. Wer möchte nicht einmal in seiner Kolumne etwas Brandaktuelles vorstellen, und so sagte ich zu.

… und jetzt

Falls nicht das Schiff mit dem Container untergegangen ist, gibt es bald folgende Lucky Filme in Europa:

  • Lucky SHD 100 New 135-36 (ab Ende Mai)
  • Lucky SHD 400 New 135-36 (ab Ende Juni)
  • Lucky SHD 100 New Professional 120 (ab Ende Juni)

Man beachte den Zusatz New hinter dem Namen: Auf der letzten Photokina hatte Lucky einen Stand in Halle 3, wo Probefilme verteilt wurden. Die damalige Qualität entsprach in etwa dem, was man von den bisherigen Billigfilmen gewohnt ist. Alle drei Filme wurden im Nachgang überarbeitet und erheblich verbessert.

Die Ladenpreisempfehlung für eine 10er-Stange beläuft sich auf 1,95 EUR je Film, eine deutliche Duftmarke im Revier der Billigfilme.

Eine Liste der ersten Bezugsquellen ist am Ende des Artikels angegeben.

Technisches

Sparsamkeit hat ihren Preis, und so kommen die Filme mit nur wenigen technischen Informationen daher. Als sie uns vorlagen, gab es im Wesentlichen den üblichen Aufdruck auf der Packungsinnenseite, und der war in – Chinesisch – abgefasst. Dazu gab es einen kleinen Werbezettel in miserabelstem Englisch. Man konnte aber erkennen, dass als Entwickler für die Filme Kodak D-76 empfohlen wurde, ein Mixtur, die man vermutlich überall auf der Welt bekommt. Gleichwertig ist übrigens Ilford ID-11 zu verwenden.

Das war’s.

Mit dieser Information gingen die Tester an den Start.

Was fiel auf?

Äußerlichkeiten

Die Verpackungen der Probefilme, die Herrn Borgerding, Herrn Jangowski und mir vorlagen, waren komplett in Chinesisch beschriftet. Für den europäischen Markt werden die Filme aber künftig in englisch beschrifteten Schachteln stecken, und es wird zumindest eine englische Information dazu geben. Sie müssen also nach dem Kauf der Filme nicht erst chinesisch essen gehen und den Ober um Hilfe bitten. (Gehen Sie aber lieber auch nicht englisch essen!)

Die KB-Filme kommen in unverschweißten Patronen daher. Das werden die Selbst-Einspuler unter den Pfennigfuchsern begrüßen, macht es doch die Weiterverwendung für eigene Meterware einfach. Die Deckelchen lösen sich recht leicht, nach meinem Geschmack fast zu leicht: Ich stelle mir vor, dass so ein Deckel auch einmal abspringen kann, wenn einem der Film hinfällt. (Probiert habe ich das nicht.)

Der Rollfilm kommt in einer robusten Papierverpackung daher, die Herrn Jangowski wegen ihrer knallroten Farbe zu Recht an einen Chinaböller erinnerte. Witzig fand ich es, als ich am Ende des Rollfilms in Deutsch und Englisch den Aufdruck „Hier falten“ bzw. „Fold here“ auf dem Schutzpapier fand, wo doch sonst für westliche Hirne verarbeitbarer Text in der Umgebung der Filme selten war. Wie ich inzwischen gelernt habe, liegt das daran, dass seit Jahrzehnten das Schutzpapier für praktisch alle Rollfilme westlicher Produktion aus Deutschland stammt, und das der Lucky Filme kommt tatsächlich aus derselben deutschen Fabrik.

Der Rollfilm hat keine Randbelichtung, das ist für den einen oder anderen Fotografen ein echter Nachteil. Herr Jangowski und ich haben den Film beide in alten Rolleiflex-Modellen getestet. Dort ist die Dicke der Klebestelle und des Schutzpapiers nicht ganz unkritisch, da die Rolleiflex den Filmanfang durch mechanische Abtastung erkennt. Probleme sind dabei nicht aufgetreten.

Die Filme kommen auf klaren Trägern daher. Diese sind nicht ganz so transparent wie die eines MACO IR 750 oder 820c oder PO 100c, aber in keiner Weise vergleichbar mit den grauen Trägern der meisten anderen Filme.

ANMERKUNG: Klare Träger haben deutliche Vorteile beim Lith-Printing: Die Belichtungszeiten sind dort ohnedies schon unangehm lang. Bei einer Belichtungszeit in der Größenordnung von Minuten bin ich ganz froh, wenn ich eine halbe Blende (rund 20%) einsparen kann, so dass mein Vergrößerer nicht ganz so heiß wird und die Lampe länger lebt.

Entsprechend haben die Lucky Filme vermutlich eine auf der Trägerrückseite liegende, wasserlösliche Lichthofschutzschicht, wie sie z.B. von den MACO-IR-Filmen und meinem Lieblingsfilm MACO PO 100c her bekannt ist.

Beim Rollfilm wurde – auch das war früher üblich, ist aber heute wohl im Sinne einer Vereinfachung der Fertigung bei den meisten Filmen eingespart worden – der Träger so behandelt, dass man auf der Filmrückseite Bleistiftretuschen vornehmen kann.

Mich hat etwas gestört, dass das Klebeband am Ende des Rollfilms nicht restlos ablösbar ist. Ich habe nicht gerne Papierreste auf meinen Filmen kleben. Papier wässert viel langsamer aus als die Emulsion, was zu einer Verschleppung von Fixierbadresten führen kann. Es ist daher sinnvoll, das mit Klebeband verunzierte Filmende abzuschneiden. Mindestens aber sollte man die Filme zum Trocknen mit dem Klebebandrest nach unten aufhängen, damit nicht aus dem Papier Wasser mit höheren Rest-Thiosulfatkonzentrationen den ganzen Film hinunter läuft. Ein Leser, dessen Namen ich mir leider nicht notiert habe, hat mir vor Jahren von Analysen berichtet, die er hat durchführen lassen und die bestätigen, dass dies wirklich zu einer deutlichen Kontamination des Films führt.

Für die 100er Filme reklamiert Lucky besondere Robustheit gegenüber hohen Temperaturen und Luftfeuchtewerten, sprich: so etwas wie Tropenfestigkeit. Die Gelatine ist also vermutlich stärker als gewöhnlich gehärtet, was sie als Nebeneffekt auch mechanisch robuster machen wird.

Die Filmträger trocknen unproblematisch ohne Rollneigung.

Verarbeitung

Die Genossen aus dem fernen Reich der Mitte sind von der schnellen Truppe: Die Emulsionen entwickeln schnell und fixieren im Blitztempo. Für Kodak D-76 (Ilford ID-11 ist gleichwertig.) sind folgende Zeiten angegeben:

Lucky SHD 100 New

5 min

Lucky SHD 400 New

7 bis 10 min

Diese Werte gelten für Kippentwicklung bei 20°C.

Detaillierter sind die Ergebnisse von Herrn Jangowskis methodischer Forschung. Für D-76 1+1, 20°C, Rotation, wurden von ihm folgende Kontrastwerte ermittelt:

Entwicklungszeit (min)

SHD400

SDH100

5:00

0.39

0.53

7:00

0.50

0.62

9:00

0.63

0.79

12:00

0.68

0.83

Der 100er Film scheint bei aggressiv arbeitenden Entwicklern relativ empfindlich auf Veränderungen der Entwicklungszeit zu reagieren: Herr Borgerding berichtet, dass es ihm nicht geglückt ist, beim 100er Rollfilm für SPUR HRX bei üblicher Verdünnung brauchbare Zeiten zu ermitteln: Eine Variation von 30 Sekunden in der Entwicklungszeit, d.h. nicht einmal 15%, bedeutet hier einen Sprung von deutlicher Unterentwicklung zu deutlicher Überentwicklung.

Mit dem Allzweckentwickler D-76/ID-11 (einem Feinkorn-Ausgleichsentwickler) sollte man bei sauberer Arbeitsweise aber keine Probleme haben. Wenn man mit anderen Entwicklern experimentieren möchte, sind für den Anfang langsamere, ausgleichende Typen, z.B. Rodinal in höherer Verdünnung (z.B. 1+50), zu empfehlen.

Bei der Fixage geht’s ähnlich flugs, nur stört es da keinen – im Gegenteil. Eine Klärzeitprobe zeigte für den 100er Film in frischem Fixierer eine Klärzeit von unter 15 Sekunden, und auch der 400er ist rasend schnell, unter 30 Sekunden. Unter denselben Bedingungen bekomme ich bei gängigen Filmen (Ilford Delta 400 ausgenommen) Klärzeiten von 30 bzw. 60 Sekunden.

Dies habe ich zunächst so gedeutet, dass die Filme eine an Jodid arme klassische Kristallstruktur haben, denn (wie im Kolumnenbeitrag zur Fixage „Geht’s noch?“ erläutert) Jodid verlangsamt die Fixage in aller Regel sehr.

Tatsächlich müssen die 100er Filme aber wohl trotzdem untypisch hohe Mengen Jodid enthalten. Das jedenfalls geht aus den Analysewerten von Herrn Borgerding hervor, der sein Fixierbad nach der Verarbeitung von ein paar davon analysiert hat.

Die von Herrn Borgerding aufgestellte Vermutung, dass es sich beim Lucky SHD 100 New um eine Flachkristallemulsion handelt, ist daher nicht ganz unplausibel. (Auch die Zickigkeit spricht dafür.) Es könnte sich angesichts der Beteiligung Kodaks um eine Art B-Version der T-max-Emulsionen handeln.

Resultate

Da er es hervorragend zusammenfasst, hier der O-Ton von Herrn Jangowski (Hervorhebungen und Absätze von mir):

„Mein Eindruck der beiden Filme: wirklich gutes Material.

Der 100er ist scharf, hat ordentliche Empfindlichkeit (wie fast alle anderen 100er auch, also für meine Bedürfnisse etwa 64 ASA) und kommt in D-76 gut. Ich würde ihn durchaus als dem APX100 oder FP4+ ebenbürtig ansehen.

Die Gegenlichtaufnahme meines Katers Carlo ist im Spitzlicht leicht überstrahlt, das kann vom Film oder auch von dem doch nicht ganz so gut vergüteten Planar meiner Rolleiflex 3.5F kommen… Auch Zeiss hat in den letzten Jahrzehnten dazugelernt. Da der Film unentwickelt extrem hell ist (im Vergleich zu dem fast schwarzen APX100 oder den Deltas) und auch der Träger erheblich weniger Dichte zeigt,könnte es natürlich auch etwas höhere Empfindlichkeit für Diffusionslichthöfe sein. (…)

Der SHD 400 ist ebenfalls scharf, natürlich nicht ganz so feinkörnig wie ein Delta 400, aber durchaus vergleichbar mit einem HP5+ oder APX400.“

Bildbeispiel: Kater Carlo im Gegenlicht, aufgenommen mit der Rolleiflex, Ausschnitt von 15 x15 cm aus einem Bild 50 x50 cm

Als Bildbeispiel sehen Sie hier nur Kater Carlo, auf den Martin Jangowski Bezug nimmt. Um das Filmkorn in fair und aussagekräftig vergleichbarer Weise anschaulich zu machen, müsste ich Ihnen Bilder zeigen, auf denen ein Feld gleicher Dichte, aufgenommen auf den zu vergleichenden Filmen, entwickelt in demselben Entwickler und im gleichen Maßstab wiedergegeben ist. Das auch noch in höchstmöglicher Auflösung bei gleichem Kontrast für beide Scans. Da ich aber leider nicht so viel Zeit zum Testen hatte, wie erhofft, liegen mir keine geeigneten Aufnahmeserien vor. Ich belasse es daher bei der qualitativen Aussage von Martin Jangowski, die aus meiner Sicht aussagekräftig genug ist.

Die Nennempfindlichkeit wird von beiden Filmen einigermaßen eingehalten (was – so habe ich mir sagen lassen – bei manch anderem Billigfilm speziell in der 400er Klasse nicht der Fall ist). Die 100er ordnen sich als qualitativ gleichwertig zwischen Agfa APX100 und Ilford FP4+ ein, der 400er ist bei gleicher Verarbeitung nach meinem Eindruck geringfügig (vielleicht 1/2 Blende) weniger empfindlich als der APX400, als Ausgleich aber auch ein wenig feinkörniger.

Nicht getestet…

…haben wir die Fertigungskonstanz. Dazu müsste man eine große Zahl von Filmen aus verschiedenen Fertigungslosen unter vergleichbaren Bedingungen testen, und das überschreitet einerseits wegen des nötigen Budgets und Zeitaufwands und andererseits wegen der mit Hausmitteln sowieso nicht zu leistenden Konstanz der Testbedingungen unsere Möglichkeiten. Kameras und Filme aus Ländern des früheren Ostblocks und bestimmte Fotopapiere aus China mussten in diesem Punkt zumindest früher einiges an Kritik einstecken. Dort war das Motto: Wenn Sie gut sind, sind sie wirklich gut, aber es sind eben auch ausgesprochene Montagsexemplare dabei.

Angesichts der offenbar mit Geld des „großen gelben Paten“ (sprich: Kodak) aufgewerteten Fertigungsanlagen und der Tatsache, dass Lucky nun ein Qualitätsmanagementsystem (QM-System) nach ISO 9001 einsetzt, gehe ich aber davon aus, dass solche Probleme hier nicht auftreten werden. Inzwischen lassen eine Reihe von qualitätsbewussten Unternehmen schlicht wegen der geringeren Lohnkosten in China fertigen.

(Kleine Abschweifung vom Thema: Auch wenn’s nix mit Fotografie zu tun hat, möchte ich mit einem Irrtum im Zusammenhang mit QM-Systemen aufräumen: Die Anwendung eines QM-Systems nach ISO 9000ff ergibt nicht automatisch gute Qualität. Diesen Blödsinn sollte man als Verbraucher nicht glauben. Ziel und Zweck eines QM-Systems ist es allein, eine spezifizierte Qualität innerhalb vorgegebener Toleranzen einzuhalten. Ist die spezifizierte Qualität mies, liefert eine Produktion unter einem QM-System Produkte von gesichert mieser Qualität, und sind die vorgegebenen Toleranzen breit, so schwankt die Produktqualität innerhalb dieser breiten Toleranzen, nur eben nicht noch weiter.)

Und hier die Wertung…

Alle drei Filme lohnen es, sie auszuprobieren. Der günstige Preis lädt zum Herumspielen ein. Leisten Sie sich ein paar dieser billigen, Verzeihung: preiswerten Filme, und zelebrieren Sie damit einmal einen Eintest-Vorgang. Oder Sie besorgen sich ein paar davon und verschießen sie nach Lust und Laune. Bei 2 EUR je Film tut es Ihrem Geldbeutel nicht so weh, und schließlich lernt man Fotografieren nur durch eines richtig: durch viel Fotografieren.

Dass die Qualität nicht schlecht ist, hat sich bei diesem Test gezeigt. „Suboptimale“ Lösungen bei bestimmten Details (Klebeband, stückweise Reaktion auf Entwicklungszeit) muss man bei dem Preis vielleicht einfach hinnehmen. Man kann es auch positiv sehen: Es lehrt einen gleich auch noch sauberes, reproduzierbares Arbeiten.

Und jetzt noch die letzte, nicht ganz unbedeutende Frage:

Wo bekommt man Lucky Filme?

Wie eingangs erwähnt, ist dieser Artikel wirklich brandaktuell und erscheint praktisch zur europäischen Markteinführung. Eine lange Liste von Bezugsquellen kann ich Ihnen daher nicht anbieten, doch bin ich zuversichtlich, dass die Liste innerhalb der nächsten Monate erheblich wachsen wird.

 

Lucky Film im Internet: www.luckyfilm.com.cn