Kolumne

Was heißt eigentlich „besser“?

Und für wen?

Ver(schlimm)besserungen an guten Filmen


Thomas Wollstein
Juni 2004


Unlängst bei uns daheim im Badezimmer schallte es aus der Dusche: „Das ist vielleicht ein Mist! Das Zeug bringt ja überhaupt nichts mehr!“

Ausgestoßen hatte diesen Ruf meine Tochter, 10 Jahre, die gerade dabei war, nach der regelmäßigen Haarwäsche die Spülung anzuwenden, die notwendig ist, damit man ihre langen Haare gut auskämmen kann. Und Grund des Fluchs war die Tatsache, dass die Spülung, eine frische Flasche, die erstmals der Aufdruck „Neu“ zierte, nicht mehr brachte, was sie bisher üblicherweise leistete.

Was das in dieser Kolumne zu suchen hat, fragen Sie? Nun, das ist einfach erklärt: Vor ungefähr zwei Jahrzehnten wurden die T-max- und Delta-Filme eingeführt, die Dank innovativer Kristallstruktur (Flachkristalle) bei gleicher Empfindlichkeit ein viel feineres Korn hatten als die bis dahin verfügbaren Emulsionen mit klassischen, kubischen Kristallen. Man konnte damals pauschaliert sagen, dass ein alt hergebrachter 100er (kubisch) im Korn einem neuen 400er (Flachkristall) entsprach.

Ein paar Jahre ist es jetzt her, dass Ilford den Delta 400 „Neu“ auf den Markt brachte, der – so Ilford – in wesentlichen Charakterzügen „verbessert“ worden war. Genannt wurde insbesondere die bessere Pushbarkeit.

Ich nenne die „Verbesserung“ eigentlich lieber Überarbeitung, denn ich habe danach hauptsächlich drei Dinge bemerkt:

  • Meine bisherigen, eingetesteten Entwicklungszeiten stimmten nicht mehr.
    OK, für eine Verbesserung der Filmeigenschaften würde man das schlucken. Man bekäme ja etwas für den nötigen Aufwand.
  • Das Filmkorn war grober, nicht etwa feiner. 
    Ich habe mit dem alten Delta 400 aufgenommene Fotos, die ich in ganz hervorragender Qualität auf 50  x  75 cm vergrößert habe. Gleiche Vergrößerungen vom neuen Delta 400 sehen im Vergleich damit alt aus.
    Aus meiner Sicht ist das eine klare Verschlechterung.
  • Der (inzwischen nicht mehr ganz) neue Delta 400 braucht noch längere Fixierzeiten
    Flachkristallfilme enthalten Jodide, die die Fixage erschweren. Dadurch brauchen sie sowieso lange zum Fixieren, aber der neue Delta 400 brauchte noch länger als der alte. Das zeigt mir der Klärzeit-Test, den ich vor jeder Fixage mache. Delta 400 ist von allen Filmen, die ich regelmäßig verwende, der, welcher sich am schlechtesten fixieren lässt.
    Auch das ist aus meiner Sicht eine klare Verschlechterung.

Wo liegt also für mich der Gewinn? Ich konnte (und kann) keinen finden.

Unlängst fühlte ich mich dann bei einer Tasse Espresso bei einem guten Bekannten mit 50 Jahren Fotopraxis an das Erlebnis mit der Dusche erinnert: Er hatte gerade eine Serie von Fotos vollendet und meinte, irgendetwas müsse ihm da bei der Entwicklung der Filme –   alles T-max 400, die er seit Jahren zusammen mit Microdol-X als Standard verwendet – schief gelaufen sein, denn die seien alle viel grobkörniger als früher. Als selbstkritischer Mensch suchte er den Fehler zuerst bei sich selbst, aber bei mir klingelte etwas. Ich hatte doch ein paar Monate zuvor einen Artikel in Photo Techniques USA (Photo Techniques USA, März/April 2003, Seite 18ff.) gelesen, in dem zwei Ex-Kodak-Forscher, nun im Ruhestand, über Tests von neuen, „überarbeiteten“ Kodak-Filme berichteten. Dabei war neben Klassikern wie Tri-X auch der T-max 400.

Die Überarbeitung geschah mit einer doppelten Begründung:

  • Man hat sich auf nur noch eine große Produktionsstätte konzentriert.
  • Bestimmte Filmeigenschaften (z.B. Scanbarkeit) seien verbessert worden.

Einen Klassiker wie den Tri-X, den m.W. weltweit am meisten verkauften 400er SW-Film mit vielen treuen Fans, zu „überarbeiten“ erscheint schon fast als ein Sakrileg, aber das sei einmal dahingestellt. Bei diesem Film scheint sich jedoch tatsächlich etwas im üblichen Sinne des Worte verbessert zu haben: Dick Dickerson und Silvia Zawadzki, so die Namen der beiden genannten Kodak-Forscher, haben die neuen Filme getestet und festgestellt, dass der neue Tri-X, jetzt 400 TX genannt, im Vergleich mit dem alten feinkörniger geworden ist. (Witzigerweise ist inzwischen tatsächlich der klassische Tri-X feinkörniger als der „moderne“ T-max 400. Wenn Sie’s mir nicht glauben wollen, lesen Sie’s nach oder – besser noch – testen Sie’s selbst.)

Kodak hat auf die Änderung deutlich hingewiesen und gewarnt, dass die Entwicklungszeiten möglicherweise angepasst werden müssten. Man konnte also erwarten, dass sich wirklich etwas an den Emulsionen getan hätte. Lt. Dickerson/Zawadzki und anderen Quellen (u.a. die französische Réponses Photo) ist das in der Tat aber nicht der Fall. Bleiben Sie also ruhig bei den alten Zeiten, solange Sie keinen Grund haben, sie anzuzweifeln. Also doch alles beim Alten?

Nicht wirklich: Alle getesteten „verbesserten“ Kodak-Filme außer Tri-X, d.h.   T-max 100, T-max 400, T-max 3200 und Plus-X, sind lt. zitiertem Artikel in Photo Techniques nach subjektiver Beurteilung des Korns grobkörniger geworden!

Jetzt frage ich Sie, liebe Leser: „Was heißt eigentlich ‚besser’? Und für wen?“

Besser für Kodak mag es sein, dass man nur noch eine große Fabrik hat, in der alles läuft. Schließlich heißt das, dass man weniger Angestellte bezahlen muss, und heute trennt sich jeder Arbeitgeber von der größtmöglichen Anzahl seiner Arbeitnehmer, um den Profit für Management und Aktionäre zu vergrößern.

Halten wir aber die Politik weitgehend aus dieser Kolumne und reden wir nicht darüber, dass ich es nicht als Verbesserung sehe, wenn ein paar Firmenstandorte mehr geschlossen werden und wieder mehr Leute arbeitslos auf der Straße stehen.

Der Fairness halber sollte man auch darauf hinweisen, dass ein großes Volumen aus einer Produktionsstätte sicher auch Vorteile im Hinblick auf die Produktionsstreuung hat.

Für mich sind aber mit den Überarbeitungen eine Reihe von Filmen in fototechnischer Hinsicht eindeutig schlechter geworden:

  • Grobkörniger ist für mich schlechter!
  • (Noch) Länger zu fixieren ist für mich schlechter!
  • Neu kalibrieren zu müssen, ohne etwas dafür zu bekommen, ist für mich schlechter!

Gerade vor ein paar Tagen erreichte mich eine Mail von einem Leser, der mich nach den „definitiven“ Unterschieden zwischen Flachkristall- und kubischen Emulsionen fragte. (Woher wusste er bloß um das Thema dieser Kolumne? Dieser Artikel war da schon fast fertig.) Ich denke, eine "definitive" Antwort auf diese Frage kann man nicht geben, denn auch bei den Flachkristall-Emulsionen gibt es nach jetzt schon gut 20 Jahren Markterfahrung, während der die Zeit nicht stehen geblieben ist, eine interessante Vielfalt. Auch bin ich überzeugt, dass die oben erwähnte größere Revision nur die Spitze eines Eisbergs ist. Es ist bei Fotofirmen Gang und Gäbe, dass bei bewährten Produkten nur der Name unverändert bleibt. In Controls in Black-and-White Photography beschreibt Richard Henry, wie er sich als Forscher gefühlt hat, als er erfolglos versucht hatte, die Ergebnisse eines Kollegen zu verifizieren und daraufhin an der Methodik des Kollegen zweifelte – und dann erfuhr, dass der Standard-Entwickler, den der Kollege und er für die Versuchsreihen verwendet hatten, möglicherweise zwischen den beiden Messreihen von Kodak ohne Hinweis an die Nutzer leicht „verbessert“ worden war.

Wir sind also als Fotografen oft zu zahm gegenüber unseren Herstellern. Wie der eingangs erwähnte Kollege suchen wir – was auch sicher nicht falsch ist – den Fehler immer erst bei uns, wenn etwas nicht mehr klappt. Aber wir sollten ihn nicht ausschließlich bei uns suchen. Nachfrage beim Hersteller weckt auch bei diesem vielleicht etwas mehr Bewusstsein. Fotografie und EDV wachsen enger zusammen, aber das heißt nicht, dass wir dieselben Zustände (oder besser: Missstände) anstreben sollten. Bill Gates hat aus Software Bananaware gemacht. (Sie kennen den Kalauer: reift beim Kunden.) Wir sollten den Fotoprodukte-Herstellern nicht dasselbe erlauben.

Doch nach dieser Klage zurück zur Vielfalt der Emulsionen: Da sind inzwischen Flachkristallfilme, die extrem feinkörnig sind, und deren Empfindlichkeit in verschiedenen Entwicklern sehr stabil ist, und andere, die deutlich flexibler reagieren, dafür aber groberes Korn aufweisen.

Zwischen dem altem Ilford Delta 400 (lange mein Vorzugsfilm) und neuem sind die Unterschiede deutlich: Auf Kosten des Korns ist der Film deutlich flexibler geworden. Das meint wohl Ilford mit der verbesserten Pushbarkeit. Er soll auch hinsichtlich der Lichterwiedergabe verbessert worden sein, etwas, das ich so nicht empfunden habe, denn ich hatte mich auf den alten so eingearbeitet, dass er für mich tat, was ich wollte. Ich habe bei Freunden Bilder hängen, z.B. eine Gegenlichtaufnahme vom Markusplatz in Venedig, aufgenommen in die Sonne hinein, mit vielen tiefen Schatten und Silhouetten, bei denen ich saubere Schattenzeichnung, gestochene Schärfe und feine Lichterzeichnung bei annehmbarem Korn habe. Von diesem Negativ habe Vergrößerungen bis 50  x  75 cm in einer Qualität angefertigt, die mir der neue Delta 400 nicht mehr bringt.

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Markusplatz Venedig an einem Januarvormittag, alter Ilford Delta 400, unmanipulierter Scan

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Gleiches Negativ: Lichterdetail, unmanipulierter Scan

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Gleiches Negativ: Schattendetail, unmanipulierter Scan

Nachdem sich daher die Unterschiede zwischen den Emulsionstypen langsam zu verwischen scheinen, kann man nicht mehr wie früher pauschalieren und behaupten, heute habe ein 400er Flachkristallfilm dasselbe Korn wie ein kubischer 100er. Es bleiben aus meiner Sicht besonders die schlechten Seiten übrig, insbesondere die unangenehm lange Fixage auf Grund des Jodidgehalts der Flachkristalle. Beim T-max 400 scheint sich eine ähnliche Entwicklung ergeben zu haben.

Im Film Developing Cookbook schrieben Anchell und Troop schon vor Jahren sinngemäß, dass sie Flachkristallemulsionen für die schlechteren hielten, die nur dem einen Zweck dienten, Silber einzusparen, damit die Fotoindustrie mit weniger Rohstoffen mehr Marge macht.

Sollten kenntnisreiche Menschen von Kodak oder Ilford oder auch von anderer Seite dieses Klagelied lesen und wissen, wo ich die Verbesserung in dieser Katastrophe finde, so bitte ich dringend um Aufklärung.