Wissen

Karl Neumeier


Über den richtigen Entwickler sollten Sie nicht erst nachdenken, wenn Sie den belichteten Film aus der Kamera holen. Vor allem, wenn feinkörnige Negative auf Ihrer Wunschliste stehen, müssen Sie schon vorher die richtige Wahl treffen. Denn drei Faktoren mischen mit, wenn es um feines oder grobes Korn geht: die Emulsion, die Belichtung und die Entwicklung.

Auf die Emulsion haben Sie nur insofern Einfluss, als Sie sich aus einem breiten Angebot den geeigneten Film herauspicken können. Nach wie vor gilt die Grundregel, dass Feinkörnigkeit und hohe Empfindlichkeit kaum unter einen Hut zu bringen sind. Hohe Empfindlichkeit erfordert große Kristalle, die aber entwickeln zu großen, sprich groben, Silberkörnern.

 

T-Grain und Co.

Die Hersteller haben mit Core-Shell- und T-Grain-Emulsionen versucht, der Physik ein Schnippchen zu schlagen. Flache Kristalle mit großer Oberfläche und kleinem Volumen sorgen bei den 400ern T-Max, Delta oder Neopan für ein Korn, das vor ein paar Jahren noch jedem 100er zur Ehre gereicht hätte. Doch alles hat seinen Preis, und selbst die Newcomer von Kodak, Ilford und Fuji müssen steigende Empfindlichkeit mit gröberem Korn bezahlen. Deshalb sollte man die Filmempfindlichkeit generell so niedrig wählen, wie es die Aufnahmesituation eben noch zulässt.

Auch die Belichtung, die Sie dem Film angedeihen lassen, wirkt sich auf die Körnigkeit des Negativs aus. Bei knapper Belichtung entsteht ein entwickelbares, latentes Bild nur in den obersten Schichten der Emulsion. Je fetter Sie belichten, desto mehr Silberkörner werden auch in den tieferen Schichten gebildet und die Gefahr einer inhomogenen Verteilung, die für den körnigen Eindruck verantwortlich ist, steigt.

Bevor Sie mit dem Entwickeln beginnen, sind wesentliche Entscheidungen in Sachen Korn also schon gefallen. Ein Feinkornentwickler kann daher das Korn nur im abgesteckten Rahmen so fein als möglich halten. Ist die Körnerwüste durch reichliche Belichtung einer schnellen Emulsion vorprogrammiert, dann kann auch der beste Entwickler nichts mehr ausrichten.

Fein- und Feinstkornentwickler zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Entwicklungskeime nicht nur chemisch, sondern auch physikalisch entwickeln. Fein(st)kornentwicklung ist eine halbphysikalische Entwicklung! Das stellen bei allen Mitgliedern der Zunft vor allem zwei Dinge sicher: die geringe Alkalität - der pH-Wert liegt unter 9 - und die Fähigkeit, Silberhalogenide zu lösen.

Als Alkali werden Borate und Karbonate verwendet, die bei den erwünschten pH-Werten zwischen 8 und 9 wesentlich besser puffern als verdünnte Ätzalkalien. Der pH-Wert ist aus zwei Gründen von Bedeutung. Zum einen arbeiten die meisten Entwicklersubstanzen bei höherem pH so schnell, dass alle Entwicklungskeime chemisch durchentwickelt sind, bevor eine ausreichende physikalische Entwicklung stattfinden kann. Andererseits lassen Ätzalkalien die Gelatine stark quellen und damit weich werden. Dadurch sind die Silberpartikel in der Matrix beweglicher und können Aggregate bilden, die als grobes Korn unangenehm auffallen.

 

Der Unterschied von Fein- und Feinstkorn

Der Hauptunterschied zwischen Fein- und Feinstkornentwicklern liegt nicht in der Körnigkeit, wie man meinen könnte. Hier sind die Übergänge fließend: Ein gut abgestimmter Feinkornentwickler wie Ultrafin SF erreicht durchaus das Niveau der Feinstkorn-Kollegen. Der Unterschied liegt vielmehr in der Rezeptur:

  • Feinkornentwickler enthalten viel Sulfit (85-100 Gramm pro Liter) - genug um soviel Silber aus dem Silberbromid-Kristall zu lösen, dass eine physikalische Entwicklung stattfindet. Ein niedriger pH-Wert bremst die Entwicklungsgeschwindigkeit. Sonst kann während der Entwicklungszeit nicht genügend Silber gelöst werden - rein chemische Entwicklung und damit gröberes Korn sind die Folge.
     
  • Bei richtig abgestimmter Aktivität hat die Art der Entwicklersubstanz nur geringen Einfluss auf die Körnigkeit. Üblicherweise verwendet man die superadditiven Kombinationen Metol-Hydrochinon oder Phenidon-Hydrochinon, wie bei D-76 (Metol-Hydrochinon) und Microphen (Phenidon-Hydrochinon). 

  • Feinstkornentwickler enthalten neben Sulfit noch weitere Silberbromid-lösende Substanzen, um die physikalische Entwicklung gegenüber der chemischen zu verstärken. Gebräuchliche Silberlösemittel sind Kalium- und Natriumrhodanid (=Thiocyanat), Natriumthiosulfat, Ammoniumchlorid oder Alkanolamine (Diethanolamin beispielsweise).

Diese Substanzen müssen in ihrer Aktivität der Entwicklungsgeschwindigkeit angepasst werden. Wird mehr Silber gelöst als zur Entwicklung erforderlich, diffundieren die Ionen ins Blaue und Filmempfindlichkeit und Maximaldichte gehen in den Keller. Microdol X oder Perceptol sind Vertreter dieses Entwicklertyps, der mit Metol als alleiniger Entwicklersubstanz arbeitet.

Bei den "klassischen" Feinstkornentwicklern dient die Entwicklersubstanz selbst als Silberlösemittel. Nur p-Phenylendiamin, o-Aminophenol und einige ihrer Derivate vermögen Silberbromid in ausreichender Menge zu lösen. Heute werden, wegen der hohen Giftigkeit der Ausgangssubstanzen, nur noch Derivate verwendet; beispielsweise N-Hydroxyethyl-o-aminophenol (in Promicrol) oder die vom p-Phenylendiamin abstammenden Farbentwicklersubstanzen (im Orwo A49).

 

Der Preis für feines Korn

Besonders feines Korn dürfen Sie erwarten, wenn Sie den Film knapp belichten und in einem Fein(st)kornentwickler zu einem Betawert zwischen 0.55 und 0.65 entwickeln. Größer sollte der Negativkontrast keinesfalls sein. Kopieren Sie flaue Negative lieber auf hartes Papier als die Negativentwicklung zu pushen.

So auf feines Korn getrimmte Negative glänzen selten durch knackige Kontraste. Daher nährt sich wohl auch das Märchen, das Feinstkornentwicklern eine schlechte Schärfeleistung nachsagt. Hier werden offensichtlich Schärfe und Kontrast verwechselt, denn manche Feinkornentwickler, wie Microdol X, bringen mit die beste Schärfewiedergabe überhaupt.

Eine hohe Empfindlichkeit lässt sich dagegen mit Feinkornentwicklern nicht aus der Emulsion herausholen. Die Gründe sind offensichtlich: Physikalisch entwickelte Silberkörner gleichen kompakten Klümpchen. Bei gleicher Silbermenge ist deren Deckkraft deutlich geringer als die des grobkörnig wirkenden Silberknäuels, das bei der chemischen Entwicklung entsteht. Empfindlichkeitsausnutzung und maximale Dichte nehmen deshalb ab.

Dem wirken Entwicklersubstanzen wie Phenidon-Hydrochinon oder N-Hydroxyethyl-o-aminophenol entgegen, die auch schwach belichtete Silberkörner entwickeln - was man sich bei Ultrafin SF oder Atomal zunutze macht.

Ein "Korn" ganz anderer Art ist das sogenannte Runzelkorn. Dabei handelt es sich um kleine Risse in der Gelatinematrix, die durch Temperatursprünge bei der Verarbeitung entstehen. Aber auch Runzelkörner springen unangenehm ins Auge. Sie sollten daher auf die Temperierung der Bäder achten, auch wenn die heutigen Emulsionen sehr tolerant gegen Temperatursprünge sind.

Vor allem bei Abzügen vom Kleinbild-Negativ hat ein Korn zu viel schon manchem zu schaffen gemacht. Je größer der Abbildungsmaßstab, desto unangenehmer macht sich grobes Korn bemerkbar. Für Prints im Posterformat sollte man daher schon bei der Filmentwicklung alle Parameter streng auf Feinkorn-Kurs halten. Lloyd Varden, ein amerikanischer Fotochemiker, hat Freunden des feinen Korns seine "Five factors for fine grain" ins Notizbuch geschrieben:

  • Niedrigempfindlicher Film
  • Knappe aber ausreichende Belichtung
  • Fein(st)kornentwickler
  • Negativ-Kontrast (ß-Index) maximal 0.65
  • Alle Bäder und Trockenluft gleiche Temperatur

Das war 1940. Auch heute, im Zeitalter der T-Max-Brothers, ist dem eigentlich nichts hinzuzufügen.

 

Chemische und physikalische Entwicklung

Bei jedem fotografischen Entwickeln werden Silberionen zu metallischem Silber reduziert. Nach der Herkunft der Silberionen unterscheidet man zwischen chemischer und physikalischer Entwicklung.

Bei der chemischen Entwicklung kommen die Silberionen aus dem Kristallgitter des Silberhalogenid-Kristalls; bei der physikalischen Entwicklung kommen sie als freie Ionen aus der Entwicklerlösung. Die Art der Entwicklung hat großen Einfluss auf die Struktur des entwickelten Silbers: Physikalisch entwickeltes Silber hat die Form feiner Klümpchen und wirkt feinkörniger als die Knäuel aus Silberfäden, die bei der chemischen Entwicklung entstehen.

Kollodiumplatten, die in Ihrer Schicht gelöstes Silbernitrat (und damit freie Silberionen) enthalten werden rein physikalisch entwickelt. Aber auch die Kontrastverstärkung von Negativen nach dem Fixieren beruht auf diesem Prinzip: Silberionen aus dem silbernitrathaltigen Entwickler lagern sich an schon vorhandenes Silber an. Die Fähigkeit der Fein- und Feinstkornentwickler zur physikalischen Entwicklung beruht nicht darauf, dass die Rezeptur Silbersalze enthält, sondern auf Ihrem Silberlösevermögen. Im Klartext heißt das, sie sind in der Lage, geringe Mengen von Silberionen aus den Silberhalogenid-Kristallen herauszulösen, die sich in einem weiteren Schritt an Entwicklungskeime anlagern.

 

Was ist Korn?

Körnigkeit ist ein visueller Eindruck, der dadurch entsteht, dass eine einheitliche Fläche nicht durch vollkommen gleichmäßige Silberablagerungen dargestellt wird. Bei entsprechender Vergrößerung sind Regionen unterschiedlicher Silberdichte zu erkennen, vor allem im Bereich mittlerer Dichte. Der Eindruck von Körnigkeit ist von zwei Faktoren abhängig: der Größe und der Verteilung der Silberkörner. Den feinsten Eindruck hinterlassen gleichmäßig verteilte Körner uniformer Größe. Unterschiedliche Größe und unregelmäßige Verteilung der Partikel lassen das Korn gröber erscheinen.

 

Das Feinkorn-Who is who

Fein- und Feinstkornentwickler lassen sich in vier Gruppen unterteilen:

Feinkornentwickler auf Metol-Hydrochinon-Basis

  • Kodak D-76
  • Ilford ID-11 (identisch mit D-76)
  • Orwo 19 (identisch mit D-76)
  • Tetenal Ultrafin liquid

Feinkornentwickler auf Phenidon-Hydrochinon-Basis

  • Ilford Microphen
  • Agfa Atomal FF
  • Tetenal Ultrafin SF

Feinstkornentwickler mit Silberlösemittel

  • Kodak Microdol X
  • Ilford Perceptol (identisch mit Microdol X)
  • CG-Chemie 512-Spezial
  • Kodak DK-20

Klassische Feinstkornentwickler

  • Agfa Atomal
  • May & Baker Promicrol
  • Orwo A-49

Rezepturen für Fein- und Feinstkornentwickler

D-76
Metol 2 g

Hydrochinon 5 g
Natriumsulfit sicc. 100 g
Natriumtetraborat (Borax) 2 g
Calgon 2 g
Wasser auf 1 l

Promicrol
N-Hydroxyethyl-o-aminophenol 6 g
Glycin 1.2 g
Natriumsulfit sicc. 100 g
Natriumkarbonat (Soda) sicc. 11.5 g
Calgon 1.7 g
Wasser auf 1 l


Rezept für Atomal =>> HIER <<; siehe auch CIOS File No. XXX-15: Agfa Film Factory Wolfen (Seite 18)

Rezept für A49, Atomal und Microdol-X / Perceptol =>> HIER <<


Viele Feinstkorn-Entwicklersubstanzen sind entweder nicht im Handel oder giftig. Daher hat Karl Neumeier einen eigenen Feinstkornentwickler kreiert, der auf der Farbentwicklersubstanz T 32 basiert und den Namen GT 320 erhielt. Hinter dem Kürzel T32 verbirgt sich der Zungenbrecher N-Ethyl-, N-Hydroxyethyl-p-Phenylendiamin; im Handel meist als schwefelsaures Salz mit eingelagertem Kristallwasser (kenntlich durch den Anhang -sulfat-Monohydrat).

GT 320
Calgon 2 g 
Natriumsulfit 100 g 
Glycin 1.5 g 
T32 5 g 
Kaliumkarbonat sicc. 7 g 
Wasser auf 1 l

Lösen Sie die Substanzen in der angegebenen Reihenfolge in 800 Millilitern Wasser auf. Kontrollieren Sie den pH-Wert - er sollte zwischen 8.7 und 9 liegen - und füllen dann auf einen Liter auf.

Verglichen mit ID-11 nützt der GT-320 die Empfindlichkeit etwas besser aus, hat wesentlich feineres Korn und ist in der Schärfeleistung fast ebenbürtig. In der Disziplin Korn findet er in Perceptol seinen Meister - bei fast 6 DIN mehr Empfindlichkeit ist das jedoch leicht zu verschmerzen.