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Karl Neumeier


Zwei Minuten von der Aufnahme bis zur Auswertung eines Bildes? Das geht doch gar nicht, sagt sich mancher SW-Laborant, der selbst bei zügigem Arbeiten ein Vielfaches der Zeit braucht. Geht doch. Ein Monobad entwickelt und fixiert die Spezialemulsion in ganzen 40 Sekunden, dann kommt der Film in den Infrarot-Trockner und nach zwei Minuten ist er fertig. Dermaßen kurze Entwicklungszeiten sind nur bei 40 bis 50 Grad zu schaffen. Da muss man mit Spezialfilmen arbeiten, denn ohne extra gehärtete Emulsion läuft die Gelatine bei solchen Temperaturen glatt vom Träger.

 

Aus den Kindertagen des Films

Schnellentwickler hatten ihren großen Auftritt in den Kindertagen des Fernsehens, als es weder Aufnahmeröhren, noch lichtempfindliche Chips gab. Die Kameras wurden mit echtem Film bestückt, der nach der Aufnahme entwickelt, fixiert und dann für die Übertragung abgetastet wurde. Und alles musste natürlich möglichst schnell über die Bühne gehen. Nach den Schnellentwicklern von damals fragt heute niemand mehr, doch die gängigen Monobad- und Aktivatorverfahren arbeiten nach dem gleichen Prinzip. Ein Blick auf die Grundrezeptur lohnt also nicht nur aus historischen Gründen.

Nur die superaddiditiven Kombinationen Metol/Hydrochinon und Phenidon/Hydrochinon bringen in weniger als einer Minute ein brauchbares Silberbild zustande. Metol oder Phenidon greifen schnell zu und Hydrochinon stemmt die nötigen Maximaldichten. Weiter wird am Entwickler getunt: Bromid und andere Schleierbremser fliegen raus, die Entwicklersubstanzen werden "nach Gutsherrenart" dosiert, der pH-Wert mit Ätzalkalien auf Werte zwischen 12 und 13 geschraubt und die Ladung der Gelatine mit ein bisschen Kalium- oder Natriumnitrat verschoben. Das erleichtert den elektrisch geladenen Hauptakteuren (Alkali, Entwicklersubstanz) die Diffusion durch die Schicht. Die Sulfitmenge bemisst man so, dass es gerade eben reicht, um den Entwickler vor dem Oxidationstod zu retten - 20 bis 40 Gramm sind genug.

Mit einer solchen Tinktur entwickeln Sie einen Film in 30 bis 60 Sekunden zu einem Beta-Wert von 0.60. Erwarten Sie aber keine Wunderdinge von den Negativen, denn unter den Rapidbedingungen werden die Kristalle rein chemisch entwickelt, da bleibt das Korn doch ziemlich grob.

 

Tempo durch Arbeitsteilung

Aktivierbare Papiere sind durch Arbeitsteilung noch wesentlich schneller: Der Entwickler wird in die Emulsionen gegossen und schlummert dort friedlich vor sich hin, bis er vom Alkali des Aktivators wachgeküsst wird. So kann die Entwicklersubstanz, gleichmäßig in der Schicht verteilt, direkt zupacken, wenn der Aktivator für den richtigen pH-Wert sorgt. Die Idee des schlafenden Entwicklers ist übrigens fast so alt, wie die Fotografie selbst. Schon 1870 mischte Fox Talbot Gallussäure in seine Emulsionen und entwickelte sie dann einfach mit alkalischem Ammoniak. Aktivierbare Papiere haben sich seither am Markt gehalten, aktivierbare Filme konnten sich dagegen nie etablieren.

Die Kunst beim Gießen einer aktivierbaren Emulsion besteht darin, die Entwicklersubstanz so zu bändigen, dass sie sich nicht vorzeitig an die Kristalle ranmacht, aber voll da ist, wenn´s Alkali kommt. Außerdem darf der Entwickler während der Lagerung nicht mit Sauerstoff anbändeln, denn oxidiert ist er unbrauchbar. Häufig reicht es aus, den pH-Wert der Emulsion niedrig zu halten und etwas stabilisierendes Sulfit beizumischen. Besonders stabil sind Entwicklersubstanzen, allen voran Hydrochinon, wenn die OH-Gruppen mit einer organischen Säure verbunden sind - verestert, wie der Chemiker sagt. Ein solcher Ester ist wenig reaktionsfreudig, erst der Aktivator spaltet die Esterbindung und setzt die reaktiven Moleküle frei.

Die in aktivierbaren Fotopapieren üblichen Entwickler-Mengen können ausreichend belichtete Stellen zu einer Dichte von etwa 2.0 entwickeln - ohne Hilfe von außen. Entsprechend einfach ist die Aktivatorlösung zusammengesetzt: Eine Menge Natriumhydroxid sorgt für die nötige Power, Sulfit zieht oxidierten Entwickler aus dem Verkehr und Bromid zügelt den Schleier. Fast alle Aktivatoren lassen sich auf ein simples Grundrezept zurückführen: Je ein Esslöffel Sulfit und Ätznatron plus eine Messerspitze Bromid auf einen Liter Wasser.

Nach drei Sekunden im Aktivator ist das Papier durchentwickelt. Ganz Eilige ziehen es danach noch fünf Sekunden durchs Stabi-Bad, das restliches Silberhalogenid in eine mehr oder minder stabile Thioharnstoff-Verbindung überführt, und quetschen es dann einfach ab. Kommt es aber nicht auf die Sekunde an, sollte man den Prints lieber eine richtige Fixage und Wässerung gönnen, dann bleiben sie deutlich länger frisch.

 

Alles in einem

Nun kann man der Emulsion auch Dampf machen, indem man Entwickler, Stoppbad und Fixierer durch ein einziges Monobad ersetzt. Monobäder, auch Fixierentwickler genannt, sind nichts anderes, als Entwickler mit eingebautem Fixiersalz. Allerdings ist es nicht damit getan, einfach Thiosulfat in irgendeinen Entwickler zu kippen, denn dabei geht die Filmempfindlichkeit in den Keller und der Beta-Wert bleibt weit unter 0.4 hängen. Theoretisch behindern sich Entwicklung und Fixage gegenseitig nicht. In real existierenden Fotoschichten sieht es aber so aus, dass die Thiosulfat-Moleküle auch solche Silberionen komplexieren, die latente Bilder tragen und eigentlich noch reduziert werden sollten. Viel Silberhalogenid geht verloren und mit dem, was übrig bleibt, lässt sich kein vernünftiges Bild mehr zimmern.

Damit Dichte- und Empfindlichkeitsverlust unter der Schmerzgrenze bleiben, muss der Entwicklerpart vor dem Fixierpart zum Zuge kommen. Schon vor fast 100 Jahren experimentierte Joseph Maria Eder, Chemie-Professor in Wien und begnadeter Edeldrucker, mit Fixierentwicklern. Erfolglos. Erst als Phenidon Einzug in die Fotochemie hielt, wurden kurze Induktionszeiten - und damit brauchbare Monobad-Rezepturen - möglich. Superadditive Phenidon-Hydrochinon-Kompositionen kommen mittlerweile auf Betawerte zwischen 0.5 und 1, und auch der Empfindlichkeitsverlust ist mit einem DIN erträglich.

Eigentlich muss man einen Fixierentwickler auf jede Emulsion neu abstimmen. Denn Größe und Zusammensetzung der Kristalle haben genauso einen Einfluss auf die Entwicklungs- und Fixiergeschwindigkeit, wie Stabilisatoren und Schleierbremser. Trotzdem muss man nicht gleich die Rezeptur ändern, schon mit der Temperatur lässt sich einiges machen: Der Entwickler beschleunigt im Warmen schneller als der Fixierer, demzufolge bringen warme Monobäder höheren Kontrast und mehr Empfindlichkeit als kalte. Auch eine Verschiebung des pH-Wertes in Richtung alkalisch puscht vor allem die Entwicklung. Klar, dass umgekehrt bei einer Senkung des pH-Wertes auf Hochtouren fixiert wird, während der Entwickler verhungert. Die Einwaage der Entwicklersubstanzen sorgt schließlich für die Feineinstellung: Mehr Hydrochinon steigert den Kontrast, Phenidonzugabe kitzelt dagegen ein bisschen mehr Empfindlichkeit aus der Schicht heraus.

Eins haben alle Monobäder gemeinsam: Sie enthalten mehr Hydrochinon und Phenidon als ein normaler Entwickler und weniger Thiosulfat als ein Fixierer. Trotz geringer Sulfitmenge und brutaler Entwicklungskinetik bleibt das Korn im Fixierentwickler relativ fein, dafür sorgt das Thiosulfat mit seinem exzellenten Silberlösevermögen. Dabei ist das Natriumsalz dem Ammoniumsalz vorzuziehen, denn im pH-Bereich der Monobäder, zwischen 11 und 13, hat Ammoniumthiosulfat die hässliche Tendenz, Ammoniak freizusetzen. Durch die hohe Alkalität wässern Fixierentwickler schnell aus, in weniger als einer Minute ist die Schicht frei von Thiosulfat. Trotzdem sollten Sie Film oder Papier ein paar Sekunden länger baden, damit auch die langsameren Entwicklermoleküle vollständig von Bord gehen.

 

Rezepturen für Schnellentwickler

Sowohl Monobäder, als auch Aktivatoren sind von der Rezeptur her Schnellentwickler-Abkömmlinge. Als typische Industrie-Rezeptur darf deshalb der alte Schnellschütze Agfa 36 gelten.

Teil A

Wasser 700 ml
Na4EDTA 1.0 g
Metol 5.0 g
Hydrochinon 6.0 g
Kaliumbromid 1.5 g
Wasser auf 800 ml

Teil B

Wasser 180 ml
Na4EDTA 1.0 g
NaOH 16.0 g
Wasser auf 200 ml

Vor Gebrauch werden die beiden Lösungen gemischt. Der pH-Wert der fertigen Mischung liegt zwischen 12.0 und 12.3; die Entwicklung dauert 25 bis 60 Sekunden.

Aktivator (nur für aktivierbare Papiere)

Wasser 800 ml
Na4EDTA 2.0 g
Natriumsulfit sicc. 25 g
Natriumhydroxid 40 g
Kaliumbromid 1.5 g
Wasser auf 1 l
Aktivierungszeit zwei bis drei Sekunden.

Stabilisator

Wasser 700 ml
Na4EDTA 1.0 g
Ammoniumthiocyanat 300 g
Natriumdisulfit 50 g
Phenylmercaptotetrazol 0.7 g *
Wasser auf 1 l
Behandlungszeit drei bis fünf Sekunden.

* PMT verlängert die Lebensdauer der stabilisierten Bilder, die anschließend nicht gewässert werden dürfen. Sollen die Bilder langzeitstabil sein, dann müssen sie nachfixiert und dann gewässert werden.

Fixierentwickler für Filme (basiert auf dem Kodak-Rezept MM-1)

Wasser 700 ml
Natriumsulfit sicc.50 g
Hydrochinon 12.0 g
Natriumhydroxid 8.0 g
Phenidon 4.0 g *
Natriumthiosulfat krist. 110 g *
 Glutardialdehyd 25% (v/v) 8 ml
Wasser auf 1 l
pH 12,4 bis 12.7
Entwicklungszeit 3 Minuten.
*   Phenidon in 12 Millilitern Diethylenglykol lösen.
** Die Thiosulfatmenge kann zur Gradationssteuerung zwischen 70 und 180 Gramm variiert werden.
Verarbeitungszeit für alle Filme: 6 Minuten bei 20°C 1-Minuten-Kipprhythmus.

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