Kolumne

Eine spannende Angelegenheit - Trocknen von Barytprints (ein halber Artikel)


Thomas Wollstein
Juli/August 2004


Wozu eigentlich noch Baryt?

Hinter Glas ist ein Barytprint nachweislich nicht von einem PE-Print zu unterscheiden. Bisher hat mir jedenfalls noch niemand das Gegenteil beweisen können. Dennoch gibt es noch Barytprints? Warum eigentlich? PE-Papier ist leichter zu verarbeiten, trocknet schneller und immer glatt, und es gibt auch extra dickes PE-Papier, damit man „richtig was in der Hand“ hat, ganz wie bei Baryt. Ob die Haltbarkeit hinreichende Rechtfertigung für den zusätzlichen Aufwand für Barytprints liefert, darüber streiten die Experten. Man kann argumentieren, dass Barytprints zumindest gezeigt haben, dass sie 100 Jahre halten können, während noch niemand einen 100 Jahre alten PE-Print gesehen hat. Dieses Argument ist nicht anzufechten. Es ist wie bei vielen anderen Dingen im Leben: Letztendlich entscheidet der Glaube.

Sie dürfen mich nach dieser Vorrede natürlich fragen, ob ich selbst auf Baryt printe, und ich gestehe freimütig, dass ich – teils auf Grund des zuletzt genannten Arguments, teils aus Nostalgie, teils aber auch, weil ich bestimmte Dinge bisher nur mit bestimmten Barytpapieren erreicht habe – auch immer wieder auf Barytpapier vergrößere, bei Fotos, an deren Haltbarkeit mir wirklich viel liegt, eigentlich ausschließlich.

Vielleicht ist das Vergrößern auf Baryt auch so etwas wie die von Zeit zu Zeit aufkommenden Gegenbewegungen zum immer schnelllebigeren Mainstream, wie Slow Food und ähnliches. Baryt hat eine gewisse Ursprünglichkeit, die einen die Idiosynkrasien und Mühen der Verarbeitung mit fast masochistischer Genugtuung genießen lässt.

Das Problem

Doch nach dieser Abschweifung ins Weltanschauliche zum Thema: Papier – und Barytpapier ist echtes Papier – neigt dazu, auf Befeuchtung und Trocknung mit Wellenbildung zu reagieren. Fotopapier ist zwar schon ein besonderes Papier, gefertigt, um die mehrfache Behandlung (aus Sicht des Papiers eher Misshandlung) mit Chemikalienlösungen wechselnden pH-Wertes möglichst unbeschadet zu überstehen. Viele Papiere würden das nicht überleben.

Jetzt auch noch zu verlangen, dass das so geschundene Papier ohne weiteres Zutun glatt trocknet, hieße, an Wunder zu glauben.

Um alles noch zu verkomplizieren, ist Fotopapier eine Mehrlagenkonstruktion: Papier unten, Gelatine oben drauf. (Es gibt noch mehr dazwischen, aber das sind die wesentlichsten Bestandteile in diesem Zusammenhang.) Beides saugt sich im Zuge der Verarbeitung mit Wasser und Chemie voll und dehnt sich dabei nicht unerheblich aus, und beides zieht sich   beim Trocknen wieder zusammen – aber nicht etwa wieder auf die Originalmaße! Und es ist auch naiv, zu glauben, dass Gelatine und Papier, wenn sie sich durch Quellung ausdehnen, beim Trocknen ganz einfach wieder auf ihre alten Maße zurückschrumpfen. Wäre das so, hätten wir kein Planlageproblem.

Die Erfahrung zeigt, dass die weitaus meisten Papiere nach dem Trocknen nicht mehr glatt liegen. Ein paar Papiere lassen sich relativ leicht plätten, indem man sie für ein paar Tage bis Wochen zwischen die Seiten eines schweren Buchs legt. Es gibt aber auch Papiere – sie sind nicht einmal selten – die sich bei „freier“ Lufttrocknung so ekelhaft verziehen, dass man sie nicht einmal zwischen Buchseiten legen kann, ohne Falten zu erzeugen – und damit das Bild unbrauchbar zu machen.

Dieser krasse Effekt zeigt ganz klar auf, wo das Problem liegt: Die Schrumpfung des Papiers beim Trocknen geschieht nicht gleichmäßig, sondern ortsabhängig. In Prosa: Der Rand des Blatts zieht sich stärker zusammen als die Mitte. Dann hat die Mitte nicht genügend Platz und tut das einzig Mögliche: Sie weicht in die dritte Dimension aus; die Kurve zwischen zwei Punkten ist länger als die gerade Linie. Das Papier liegt nicht mehr glatt, sondern ist gewellt.

Was kann man dagegen tun?

Über die Jahrhunderte wurden viele Lösungen vorgeschlagen:

Trocknung auf der Presse löst das Problem, indem dem Papier durch ein darüber gespanntes Tuch die Möglichkeit genommen wird, auszubüxen. Es muss zwangsweise relativ plan trocknen. Wie jedes Verfahren, so hat auch dieses Vor- und Nachteile:

Pro:

  • Verlässlich
  • Schnell
  • Geringer Platzbedarf

Contra:

  • Die Presse kostet Geld.
  • Sie verbraucht Energie.
  • Heißtrocknung kann, besonders bei Tonung, zu Tonänderungen führen.
  • Das Tuch bedeutet eine gewisse Gefahr der Verschleppung von Kontamination.

Trocknung auf Rosten, Rahmen, die mit Fliegengitter bespannt sind, soll das Problem, wenn nicht lösen, so doch lindern, indem man die Bilder mit der Emulsionsseite nach unten auf die Roste legt, um zumindest die eigene Schwerkraft der Biegungstendenz entgegenzustemmen. Man sorgt zudem für eine möglichst langsame und gleichmäßige Trocknung, indem man nicht zu warm und unter nicht zu starkem Luftwechsel trocknet.

Bei gutwilligen Papieren reicht eine Kombination dieses Verfahrens mit nachfolgendem Pressen in Büchern aus, um recht glatt liegende Bilder zu bekommen.

Pro:

  • Geringe Investition
  • Kein Energieverbrauch
  • Die Gitter lassen sich leicht reinigen.

Contra:

  • Funktioniert nicht bei allen Papieren.
  • Braucht vergleichsweise viel Platz.

Trocknen auf der Leine, aufgehängt an einer Wäscheklammer, ist der sicherste Weg, fürchterlich verbogene Prints zu bekommen. Dadurch, dass die Prints während des Trocknens einem, wenn auch geringen, diagonalen Zug ausgesetzt sind, ist es recht sicher, dass die eine Diagonale nach dem Trocknen länger ist als die andere, und der oben beschriebene Effekt (Ausweichen in die dritte Dimension) tritt verschärft ein.

Pro:

  • Keine wesentliche Investition
  • Keine wesentlichen laufenden Kosten
  • Keine aufwendigen Geräte

Contra:

  • Absolut kontraproduktiv

Schon etwas weniger desaströs wird der Trocknungserfolg, wenn man das Bild an zwei Klammern aufhängt. In manchen Büchern wird empfohlen, die Trocknung zu verlangsamen, indem man je zwei Blätter Rücken an Rücken aufhängt. Angeblich sollen die beiden einander auch, wenn sie an allen vier Ecken durch Wäscheklammern verbunden sind, durch ihre entgegengesetzten Krümmungsneigungen gegenseitig etwas glatter ziehen.

Hat das jemals bei jemandem geklappt? Bei mir nicht. Bei mir war der Erfolg dieser Methode der, dass durch den Kampf der Bilder eher chaotische Zugverhältnisse auftraten, die eher zu schlechterer als zu besserer Planlage nach dem Trocknen führten.

Aber man sieht, wo der Hase im Pfeffer liegt: Es ist erforderlich, das Blatt während des Trocknens einem gleichmäßigen Zug auszusetzen. Ein Verfahren, das m.W. keineswegs seine Ursprünge in der Fotografie hat, sondern bei den Aquarellmalern (Deren Probleme sind ähnlicher Natur.), ist die Klebebandmethode. Das Verfahren besteht darin, das nasse Blatt mit Nassklebeband aus Kraft-Papier schön plan auf eine Platte zu kleben und so trocknen zu lassen. Nach dem Trocknen schneidet man das Klebeband ab, und das Bild liegt so platt, wie es nur liegen kann.

Es empfiehlt sich aus meiner Sicht, eine chemisch neutrale Platte zu verwenden. Faserplatten, deren Leim sich auflösen kann, sind aus meiner Sicht nicht sinnvoll, da keiner weiß, was der Leim im Laufe der Jahre mit den Bildern macht. Spanplattenhersteller achten ja vielleicht noch darauf, dass die Platten kein Formaldehyd abgeben, aber bestimmt nicht darauf, dass die Platten zum Bildertrocknen geeignet sind.

Wichtig ist es auch, dass die Platten schön sauber sind, d.h. dass keine Holzspäne oder ähnliches darauf liegen. Wenn das Papier nämlich unter erheblicher Zugspannung wie eine Prinzessin auf der Erbse mit einem Krümel drunter getrocknet ist, hat es hinterher eine Beule, die nicht mehr zu reparieren ist.

Das ideale Verfahren? Nicht ganz. Es treten immer mal wieder Probleme auf:

Manchmal war der Print oder das Klebeband zu nass oder zu trocken und haftete nicht richtig. Dann rutschte das Blatt stückweise unter dem Klebeband heraus oder das Klebeband löste sich vom Brett. Das aber bedeutete, dass die Zugspannung nicht mehr gleichmäßig war und das Papier sich übel verzog (siehe Bild), mitunter irreparabel. Manchmal konnte man aber den Schaden reparieren, indem man das Blatt noch einmal einweichte und erneut trocknete. Das ging aber nur in begrenztem Rahmen, und ob es dem Papier gut tat, wage ich zu bezweifeln.

42-Bild1 

Das hier dargestellte Bild ließ sich übrigens wie oben beschrieben retten.

Stellt man die Bretter mit den aufgeklebten Papieren vertikal auf (z.B. aus Platzgründen), so kam es bei zu nassem Klebeband dazu, dass der weiche Klebeglibber am Bild herunterlief. Solche Bilder sind nur noch zur Auskleidung des Papierkorbs geeignet.

Es gibt das Klebeband in zwei Varianten, nämlich braun und weiß. Das braune besteht aus so genanntem Kraft-Papier und sieht sehr nach Umzugskarton aus, das weiße wirkt etwas sauberer und edler. Aber das täuscht. Keines der Klebebänder ist säurefrei bzw. archivtauglich. Und das weiße ist nach meiner Erfahrung Bockmist! Wo das braune versagte, weil es nicht richtig klebte, klebte das weiße prima, hielt aber der Zugspannung nicht Stand und riss. Das kam bei dem braunen auch ab und an vor, aber bei dem weißen bei mir fast ständig. Die Spannung hängt sicher von der Bildgröße ab, so dass das weiße Klebeband bei kleinen Formaten noch funktionieren kann, aber ab 24x30 cm bin ich damit nicht mehr glücklich geworden.

Mein Rat also: Wenn Klebebandmethode, dann mit dem braunen Klebeband (z.B. von PHOTOTEC). Lassen Sie um Ihr Bild einen genügend breiten Rand, mindestens 1 cm allseitig, und sorgen Sie dafür, dass das Klebeband parallel zur Kante klebt, d.h. dass es zumindest nicht allzu schief aufgeklebt ist. Schiefes Kleben führt zu ungleichmäßiger Spannung, die zwar hier nicht zu einer Wellung des trockenen Bildes führt, aber trotzdem dazu, dass es sich leicht verzieht. Wäre doch echt ärgerlich, wenn Sie stürzende Linien bei der Aufnahme durch ein teures Shift-Objektiv oder aufwendige Kameraverstellung vermeiden oder unter dem Vergrößerer umständlich nach Scheimpflug entzerren, um das Bild nachher zu verzerren.

Schnitt!

Eigentlich sollte es hier weitergehen, und ich wollte Ihnen mein verschnitt- und klebebandfreies Trockenverfahren reich bebildert darstellen, aber dann

42-Bild2 und schließlich

42-Bild3

Oder in Worten: Meine zweite Tochter zog es vor, ihren Entbindungstermin etwas vor den ausgerechneten Termin zu verlegen, und eine Menge für die noch verbleibenden 14 Tage geplanten Aktivitäten, darunter auch die Vollendung dieses Artikels, blieb keine Zeit mehr. So bleibt es denn diesen Monat bei dem, was Sie bis jetzt schon gelesen haben. In meiner nächsten Kolumne kommt dann die Revolution in der Baryttrocknung. Ich bitte um Verständnis und Geduld.

Ihr Kolumnist
Thomas Wollstein