Wissen

Karl Neumeier


Hier finden Sie Informationen zu folgenden Spezialisten:

  • Zweibad-Entwickler
  • Lith-Entwickler
  • Halbton-Entwickler für Dokumentenfilme

 

Zwei Bäder für mehr Einfluss

Von allen Bestandteilen eines Entwicklers sind zwei besonders wichtig, wenn es um die Entwicklungsgeschwindigkeit geht: die reduzierende Entwicklersubstanz und das Alkali, das fürs aktivierende Milieu sorgt. Beide sind normalerweise im Überfluss vorhanden. Schon vor mehr als hundert Jahren kam der Franzose Audra auf die geniale Idee, Entwicklersubstanz und Alkali in verschiedene Lösungen zu packen, um so die Entwicklung gezielter beeinflussen zu können - der Zweibad-Entwickler war geboren. Das Prinzip ist einleuchtend: Im ersten Bad saugt die Filmschicht sich mit Entwickler voll; auf Grund des niedrigen pH-Wertes zwischen 4 und 6 findet aber noch keine Entwicklung statt.

Im zweiten Bad wird der pH alkalisch und die eingelagerte Entwicklersubstanz dadurch aktiviert. Doch der Eifer hält nicht lange vor: Sobald der im ersten Bad aufgenommene Entwickler verbraucht ist, geht der Ofen nämlich wieder aus. Das begrenzt den Bereich der Bilddichten in den Bereichen starker Belichtung, während die schwach belichteten Schattenpartien voll ausentwickelt werden. Schließlich wird hier ja kaum Entwickler verbraucht. Das führt zu einer sehr ausgeglichenen Entwicklung.

Die reine Zweibad-Lehre funktionierte mit den 1885er Emulsionen, die vergleichsweise dick wie Packeis am Nordpol waren, auch hervorragend. Die Schichten unserer Tage sind nicht nur dünner, sondern auch stark gehärtet und deshalb nicht so quellfähig - der Zweibad-Prozess muss infolgedessen modifiziert werden. Bei pH-Werten zwischen 6.5 und 8 wird das latente Bild schon in der ersten Lösung anentwickelt. Das verhilft selbst dünnen Schichten zu vernünftigen Maximaldichten, ohne dass der ausgleichende Charakter verloren geht.

Die erste Lösung enthält hauptsächlich Entwicklersubstanzen - Metol oder die superadditiven Kombinationen Metol/Hydrochinon oder Phenidon/Hydrochinon - und Sulfit. Die Sulfitmenge kann zwischen 30 und 100 Gramm pro Liter variieren. Der pH-Wert darf nicht höher als 8 sein, schließlich soll die Entwicklung ja langsam laufen. Um da noch sicher zu gehen, gibt man Borsäure oder Natriumdisulfit zu. Part Zwei enthält vor allem Alkalisubstanz und Natriumsulfit. Soll der Zweibad-Entwickler feinkörnig arbeiten, wird der pH-Wert niedrig gehalten und viel Sulfit zugesetzt. Eine moderate Puffer-Substanz, wie Natriumtetraborat, pegelt etwa den pH 9 ein, und 50 bis 100 Gramm Sulfit pro Liter halten das Korn im Zaum. Für eine kräftige Nachentwicklung mit guter Empfindlichkeitsausnutzung sind Karbonatalkalien mit pH-Wert um 11 am besten geeignet. 10 bis 30 Gramm Sulfit pro Liter reichen in diesem Fall völlig aus. Wer will, kann mit bis zu einem Gramm Kaliumbromid oder 50 bis 100 Milligramm Benzotriazol auf die Schleierbremse treten.

Auf dem gleichen Prinzip beruht auch die sogenannte Wasserbad-Entwicklung, für die man jeden beliebigen Entwickler verwenden kann. Dabei wird der Film nach dem Anentwickeln in ein temperiertes Wasserbad transferiert und dort ausentwickelt. Als Richtzeit für eigene Versuche sollten Sie die eigentliche Entwicklungszeit halbieren und den Film anschließend das Doppelte der normalen Zeit im Wasser baden.

 

Schwarz oder weiß

In der Spezialitätenecke finden sich auch Entwickler, denen Grauwerte jeder Art völlig unbekannt sind. Sie entwickeln nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip: blütenweiß oder rabenschwarz.

Lithentwickler enthalten Hydrochinon als alleinige Entwicklersubstanz. Ein Blick auf die chemischen Eigenschaften erklärt, warum dies so ist: In alkalischer Lösung liegt Hydrochinon als zweifach negativ geladenes Anion vor, das zunächst ein Silberion zu Silber reduzieren kann und dabei selbst zum Semichinon wird. Diese Reaktion verläuft relativ langsam. Das entstandene Semichinon-Molekül ist aber sehr reaktiv und reduziert schnell ein weiteres Silberion zu Silber. Aus dem Hydrochinon wird dabei letztendlich die oxidierte Form, das Chinon. In alkalischer Lösung kann dieses Chinon von einem zweifach geladenen (=langsamen) Hydrochinon ein Elektron übernehmen - es entstehen zwei der reaktiven Semichinon-Moleküle, die schnell zwei weitere Silberionen reduzieren. Dabei werden sie zu Chinon oxidiert und suchen sich zwei weitere Hydrochinon-Moleküle. Mit denen reagieren sie zu vier Semichinonen, die wieder.... - eine Kettenreaktion, die der Chemiker vornehm Autokatalyse nennt, läuft ab.

Das Oxidationsprodukt der Entwicklersubstanz beschleunigt also die weitere Entwicklung. Ist die Reaktion erst einmal in Gang gekommen, setzt sie sehr schnell alle verfügbaren Silberionen um, während dort, wo wenig Licht ankam und die Entwicklung erst später einsetzt, noch kein Silber entsteht. Der Kontrast steigt schnell an. Sobald die Entwicklung auch in wenig belichteten Bereichen einsetzt, nimmt er wieder ab - die Gegenden starker Belichtung sind ja schon lange durchentwickelt. Die Entwicklung muss trotzdem abgebrochen werden, wenn der Kontrast am größten ist, sonst ist der Lith-Effekt futsch.

Die Rezepturen sind auf einen möglichst starken Kontrast abgestimmt. Deshalb dürfen keine Entwicklersubstanzen eingesetzt werden, die superadditiv mit Hydrochinon reagieren - rote Karte für Phenidon und Metol. Die ziehen nämlich die Oxidationsprodukte aus dem Verkehr und unterbrechen damit die Kettenreaktion.

Das gilt auch für Sulfit. Es reagiert mit Chinon zu einem Sulfat und macht es dadurch für die Lith-Entwicklung unbrauchbar. Zwei Gramm pro Liter sind das Maximum dessen, was der Prozess toleriert. Doch Entwickler mit geringem Sulfatgehalt sind kaum haltbar. Die Fotochemiker mussten schon tief in die Trickkiste greifen, um dieses Dilemma in den Griff zu bekommen.

Man setzt dem Entwickler zusätzlich polymeres Formaldehyd (para-Formaldehyd) zu, das seinerseits eine Verbindung mit dem Sulfit eingeht. Das Gleichgewicht dieser Reaktion ist pH-abhängig und liegt bei pH 10 so, dass weniger als 5 Prozent des Sulfits als freie Moleküle vorliegen, der Rest ist gebunden. Sobald die freien Moleküle verbraucht werden, gibt die Aldehyd-Verbindung neue Moleküle frei. So kann über längere Zeit ein Sulfitpegel zwischen einem und zwei Gramm pro Liter aufrechterhalten werden. Das erspart dem Entwickler den vorzeitigen Oxidations-Tod. Wer Formaldehyd lieber im Sondermüll als in der Entwicklerflasche sieht, kann auf andere Oxidationsschutzmittel zurückgreifen. Beim RA-4-Prozess gemacht verhelfen Diethylhydroxylamin und ein Alkanolamin dem Entwickler zu biblischem Alter. Mit den Lithentwicklern sollte man übrigens nur auf Lithfilme losgehen. Normale Filme zeigen keine nennenswerte Aufsteilung der Gradation - lediglich die Empfindlichkeit geht kräftig in den Keller.

 

Weiche Welle

Dritte Station im Raritätenkabinett sind die Weichentwickler. Dokumentenfilme, die in normalen Entwicklern Beta-Werte zwischen 2.5 und 3 an den Tag legen, werden zu kopierbaren Werten zwischen 0.55 und 0.70 weichgeklopft. Ordinäre Negativfilme lassen sich darin sogar zu Betas zwischen 0.2 und 0.4 weichspülen, ohne dass die Filmempfindlichkeit ins Bodenlose sinkt. Mit normalem Negativmaterial kann so noch ein Helligkeitsumfang von 1:1.000.000 durchgezeichnet werden, ohne dass die Lichter zulaufen. Solche Belichtungsumfänge muss kein Film je bewältigen, es sei denn, er soll Atombomben-Explosionen dokumentieren. So haben die Soft-Entwickler das Licht der Welt auch in den Laboratorien der US Army erblickt - eine eher unrühmliche Vergangenheit.

Kein Film-Entwickler arbeitet so ausgleichend - nicht einmal Rodinal in der homöopathischen Verdünnung 1+200. Wie bei Lith-Entwicklern macht man sich auch hier das Entwickler-Oxidationsprodukt zunutze, diesmal lediglich in der anderen Richtung. Oxidiertes Phenidon hemmt Phenidon-Entwickler kräftig und wird durch Sulfit nicht reaktiviert. Goldrichtig, denn in den Lichtern, wo viel Silber gebildet wird, wird auch viel Phenidon oxidiert.

Reine Phenidon-Entwickler arbeiten extrem ausgleichend - aber auch extrem langsam. Um zu moderaten Entwicklungszeiten zu kommen, wird den Entwicklern ein wenig Hydrochinon zugesetzt. Das kann Phenidon regenerieren und wird dabei selbst oxidiert. Je mehr Hydrochinon, desto schneller die Entwicklung, desto geringer aber auch die ausgleichende Wirkung. Gleiche Mengen der beiden Substanzen ergeben einen guten Kompromiss - bei pH-Werten zwischen 9 und 10.5 und wenig Sulfit. Wenn Sie gerne mit großen Papierformaten arbeiten und trotzdem scharfe Abzüge ohne erkennbares Korn lieben, sollten Sie die Softies aus der Flasche mal mit Kodaks Technical Pan ausprobieren. Sie werden begeistert sein.

 

Das Who is who der Spezialisten

Zweibad-Entwickler

  • Tetenal Emofin Pulver
  • Tetenal Emofin liquid
  • D-76 Zweibad (Foto-Ansatz-Messtechnik)

Lithentwickler

  • Agfa G-8
  • Fotospeed LD 20
  • Ilford Ilfolith
  • Kodak Kodalith
  • Tetenal Dokulith

Weichentwickler

  • CG-Chemie FLG
  • Kodak Technidol LC
  • Tetenal Neofin doku

Typische Rezepturen

D-76-Zweibad

Part 1
Metol 2 g
Hydrochinon 5 g
Natriumsulfit sicc.
100 g Fotoplex 1
5 ml Fotoplex 2 1 ml
Wasser auf 1 l

Part 2
Natriumtetraborat 30 g
Calgon 3 g
Wasser auf 1 l

Kodak D-85

Hydrochinon 22.5 g
Natriumsulfit 30 g
Kaliumsulfit 2.6 g
Borsäure 7.5 g
Kaliumbromid 1.6 g
Para-Formaldehyd 7.5 g
Wasser auf 1 l

Pota-Entwickler

Phenidon 1.5 g
Natriumsulfit sicc. 30 g
Wasser auf 1 l

Lithentwickler

Wasser 800 ml Na4EDTA 2 g
Diethanolamin 20 ml
Diethylhydroxylamin (85% v/v) 10 ml
Natriumsulfit sicc. 1.5 g
Hydrochinon 15 g
Kaliumbromid 3 g
Natriummetaborat 10 g
Wasser auf 1 l
pH 9.9-10.1

Weichentwickler

Wasser 200 ml
Na4EDTA 1 g
Natriumsulfit sicc. 8 g
Kaliumsulfit 1.7 g
Kaliumkarbonat sicc. 10 g
Hydrochinon 2 g
Phenidon 2 g*
Diethylenglykol 10 ml*
Wasser auf 250 ml
pH 10.0 - 10.2

*Phenidon wird in Diethylenglykol gelöst und zugegeben. Dieses Konzentrat wird kurz vor dem Gebrauch im Verhältnis 1+19 verdünnt. 50 Milliliter Konzentrat ergeben auf diese Weise einen Liter Arbeitslösung.