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Karl Neumeier


Wer jemals mit dem Teleobjektiv auf Fotopirsch war, kennt das Problem: Lange Tüten erfordern kurze Belichtungszeiten - und das bei der ohnehin geringen Lichtstärke der Objektive. Trotz hochempfindlicher Filme steht man da schnell vor der Frage: Verwackeln oder unterbelichten. Für den Selbstverarbeiter liegt die Antwort auf der Hand: Während er mit verwackelten Aufnahmen allenfalls seinen Papierkorb tapezieren kann, hilft er unterbelichteten Filmen mit ein bisschen Know-how und dem richtigen Entwickler auf die Sprünge. Empfindlichkeitssteigernde Entwicklung empfehlen die Verfasser schlauer Fotobücher, der Praktiker spricht weniger respektvoll von Pushen.

 

Die Korngröße entscheidet

Wie genau muss man sich an die angegebene Filmempfindlichkeit halten? Auf Beipackzetteln protzen die Hersteller schon mal mit Steigerungen von 12 DIN und mehr; frei nach dem Motto: "Der Entwickler wird´s schon richten." Dabei haben sie die Empfindlichkeit durch die Größe der verwendeten Kristalle selbst festgeklopft. Denn die Korngröße entscheidet über die maximale Lichtempfindlichkeit; vergleichbar dem Hubraum bei der Motorleistung. Ein 1200er Käfermotor bringt nie die Leistung eines Sechsliter-Motors von Ferrari - auch Benzin mit dreistelliger Oktanzahl hilft da nichts. Genauso wenig wird ein niedrigempfindlicher Film durch einen Turbo-Entwickler available-light-tauglich.

Licht macht Silberhalogenid-Kristalle entwickelbar, vorausgesetzt, die Treffer-Quote war hoch genug. Denn genug Photonen (=Lichtteilchen) müssen einen Kristall treffen, damit ein stabiler Entwicklungskeim entsteht. Die erforderliche Mindestzahl ist von Emulsion zu Emulsion verschieden. Sie legt die effektive Empfindlichkeit fest. Bei vergleichbarer Korngröße ist diese Quantenausbeute in den letzten Jahren deutlich gesteigert worden - weniger Lichttreffer reichen zur Keimbildung aus. Außerdem wurden Core-Shell-Kristalle als "Lichtfalle" konzipiert: Sie haben eine große Oberfläche bei kleinem Volumen. Dadurch nutzen sie die Empfindlichkeit gut aus, ohne zu riesigen Körnerwüsten zu werden. Und je größer die Oberfläche, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Photon im Kristall einschlägt. Der simple Zusammenhang "Je größer das Korn, desto höher die Empfindlichkeit" gilt für Tmax und Co. genauso, wie für die Oldtimer Tri-X oder HP-5 plus

Was aber tut der Entwickler? Der sorgt dafür, dass die durch Korngröße und Quantenausbeute vorgegebene Empfindlichkeit ausgenutzt wird - oder auch nicht. "Chemische Belichtung" durch wundersame Entwicklersubstanzen darf man jedenfalls keine erwarten.

Theoretisch reichen vier Lichtquanten, um ein Korn entwickelbar zu machen. Am Empfindlichkeitszentrum muss sich mindestens ein Ag4-Komplex bilden, damit der Entwickler überhaupt eine Chance hat, das Halogenid-Korn zu Silber zu reduzieren. Einigen Entwicklern reicht ein solcher Ag4-Komplex aus. Die etwas schlapperen Wässerchen fangen erst bei Ag6- oder Ag8-Komplexen an - entsprechend geringer ist dann die Empfindlichkeitsausnutzung.

 

Eine Blende geht immer

Um einem unterbelichteten Film doch noch ein vernünftiges Silberbild zu entlocken, muss der Entwickler auch schwachbelichtete Kristalle zu Silber reduzieren. Die reagieren jedoch nur geringfügig schneller als solche, die ewigem Dunkel ausgesetzt waren. Werden die unbelichteten Kristalle aber auch reduziert, steigt der Schleier schnell an. Dadurch geht die Schattenzeichnung verloren und die Empfindlichkeit, die ja als 0.1 Dichteeinheiten über Schleier definiert ist, nimmt wieder ab. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Entwickler mit hoher Empfindlichkeitsausnutzung müssen also gut zwischen schwach belichteten und unbelichteten Kristallen unterscheiden können. Dazu bieten sich eine Reihe geeigneter Zutaten an:

  • Entwicklersubstanzen oder -kombinationen, die kräftig arbeiten, wie Metol-Hydrochinon, Phenidon-Hydrochinon, N-Hydroxyethyl-o-aminophenol oder die Farbentwickler CD-1 und T32.
     
  • pH-Werte zwischen 8.5 und 10, je nach Zusammensetzung des Entwicklers. Dort ist das Redoxpotential der Entwicklerlösung hoch genug, um auch Entwicklungskeime mit kleinem Zentrum zu Edelmetall zu machen und noch nicht so hoch, dass zu viele unbelichtete Kristalle reduziert werden.
     
  • Möglichst geringe Mengen von Antischleiermitteln wie Kaliumbromid oder Benzotriazol. Ganz zu vermeiden sind sie meistens nicht, vor allem Phenidon-Hydrochinon-Entwickler müssen gezügelt werden.
     
  • Empfindlichkeitssteigernde Zusätze, wie Diethanolamin (20-80g/l) oder Hydrazin (1-2 g/l). Wie diese Substanzen genau wirken, ist unklar. Klar ist nur, dass alle Amine, so auch Hydrazin, mindestens ein Elektronenpaar haben, das nicht an Bindungen beteiligt ist. Möglicherweise transportieren sie Elektronen zu den Entwicklungskeimen.

Außerdem enthalten die meisten Push-Entwickler viel Sulfit (80-100 g/l), obwohl das der Empfindlichkeitsausnutzung eher abträglich ist. Hohe Sulfit-Konzentrationen dienen der Schadensbegrenzung: Sie halten bei Überentwicklung das Korn noch halbwegs im Zaum.

Entwickler mit hoher Empfindlichkeitsausnutzung erreichen schon bei kleinen Betawerten (um 0.55) volle Filmempfindlichkeit mit guter Schattenzeichnung. Auf jeden Fall sollte man die Entwicklung rechtzeitig stoppen, wenn die schwach belichteten Kristalle möglichst durchentwickelt, die unbelichteten aber noch jungfräulich sind. Doch selbst Entwickler, die nach allen Regeln der Kunst optimiert wurden, holen nur zwei, bestenfalls drei DIN mehr aus der Emulsion heraus, als ein Standardentwickler wie D-76. Das heißt: Wenn der Entwickler mit der Lichtdiät klarkommt, kann man den Film bis zu einer Blende unterbelichten, ohne ihn länger entwickeln zu müssen. Wer mehr will, der muss die Unterbelichtung durch Überentwicklung ausgleichen - 400-ISO-Film bleibt 400-ISO-Film, egal, wie man ihn belichtet.

 

Mit der Entwicklungszeit spielen

Theoretisch kann man einen Film natürlich mit jedem Entwickler pushen. Doch da der Available-Light-Fotograf selten Empfindlichkeit zu verschenken hat, wird er auf einen Entwickler zurückgreifen, der auch noch den letzten Entwicklungskeim reduziert. Die Überentwicklung gleicht den durch die Unterbelichtung entstandenen Dichteverlust im mittleren Bereich aus; die Gradationskurve wird steiler. Dadurch geht jedoch ein Teil der Schattenzeichnung verloren, und bei hohen Objektkontrasten fressen auch die Lichter aus. Filme mit s-förmig verlaufenden Dichtekurven, wie der HP-5 Plus oder der Neopan 1600, vertragen das Pushen besser, als die T-maxens mit ihrem linealglatten Anstieg. Lediglich der 3200er macht da eine Ausnahme: Seine Gradationskurve wird durch längere Entwicklungszeiten nicht aufgesteilt, sondern parallel verschoben - in den mittleren Dichten zumindest.

Beim Überentwickeln um eine Stufe hält sich der Qualitätsverlust noch in Grenzen. Bei zwei und mehr Stufen wächst er dagegen schneller als der Nutzen: Aus Körnern werden Brocken, und der Kontrast wird so groß, dass sich die Negative nicht mehr vernünftig kopieren lassen. Man tut gut daran, lieber einen höherempfindlichen Film normal zu belichten und zu entwickeln, als einen Feinkörner unnötig zu quälen. Lediglich am Ende der Fahnenstange, beim Ilford Delta 3200 oder beim T-max 3200 von Kodak gibt´s keine Alternativen mehr: hier wird man ums Pushen nicht herumkommen. Doch auch dort sollte man sich mit höchstens drei Push-Stufen bescheiden. Wer seinen Negativen noch mehr Gewalt antut, darf sich nicht wundern, wenn die Prints anschließend wie schlechte Fotokopien einer alten Zeitungsvorlage aussehen.

 

Alles nur Illusion

Der scheinbare Empfindlichkeitsgewinn beim Pushen besteht darin, dass mittlere Grauwerte in höhere Dichtebereiche verschoben werden. Solche Grauwerte, beispielsweise Hauttöne, entsprechen einer Negativdichte von etwa 1.0 über Schleier. Entwickelt man einen Film zu einem mittleren ß-Wert von 0.55, so wird der Punkt der Kurve, der 1.0 Dichten über Schleier liegt, als neuer Bezugspunkt gewählt. Eine "Empfindlichkeitssteigerung" dieses Punktes um drei DIN bedeutet, dass dieser Punkt um 0.3 logarithmische Einheiten nach links verschoben wird. Das entspricht einer Blende. Zwar nimmt dabei die tatsächliche Empfindlichkeit nur um etwa 0.5 DIN zu - durch die Erhöhung in den bildwichtigen Dichten sieht es aber nach mehr aus.

 

Das Who is who der Pushentwickler

Entwickler auf Phenidon-Hydrochinon-Basis

-       Kodak T-max-Entwickler

-       Kodak HC 110

-       Ilford Microphen

-       Ilford Ilfotec HC

-       Tetenal Ultrafin Plus

Entwickler auf p-Phenylendiamin-Basis

-       Tetenal Emofin

Entwickler auf N-Hydroxyethyl-o-aminophenol-Basis

-       Agfa Atomal (Rezept siehe unter Feinkornentwickler)

-       May & Baker Promicrol (Rezept siehe unter Feinkornentwickler)


Rezepturen für Pushentwickler

Wasser 800 ml
Na4EDTA 2 g
Kaliumdisulfit 90 g
Hydrochinon 9 g
Diethanolamin 70 ml
Dimezone-S 1.5 g
Wasser auf 1 l

Der pH-Wert sollte jetzt zwischen 8.6 und 8.8 liegen. Dimezone-S, das als auch Phenidon-S im Handel ist, kann in 15 Millilitern warmem Diethylenglykol vorgelöst werden.

Ilford ID 68
Hydrochinon 5 g
Phenidon 0.13 g
Natriumsulfit sicc. 85 g
Borax 7 g
Borsäure 2 g
Kaliumbromid 1 g
Calgon 2 g
Wasser auf 1 l

Kodak T-max-Entwickler
Hydrochinon 9 g
Dimezone-S 1.4 g
Natriumsulfit 5 g
Diethanolaminsulfit 130g
Kalkschutz 2 g
Wasser auf 1 l


Weitere Push-Methoden

Grundsätzlich gibt es zwei Methoden, einen Film empfindlicher zu machen. Zum einen kann man die Emulsion vorbelichten; diese Hypersensibilisierung erhöht die Empfindlichkeit für die eigentliche Aufnahme. Das andere Verfahren heißt Latensifikation: hier wird durch chemische Tricks das latente, also bereits fotografierte Bild verstärkt. Teils erfüllt ein und dieselbe Methode beide Zwecke, also Hypersensibilisierung und Latensifikation, zum Beispiel ein Bad in Ammoniaklösung.

Mindestens drei DIN Gewinn verspricht die Fachliteratur. Propagiert werden Badeverfahren, die die Beweglichkeit der Silberionen im Silberhalogenidkristall erhöhen und dadurch schneller zu Entwicklungskeimen führen. Man liest etwa von Ammoniak (einprozentige Lösung), Aminen, Natriumsulfitlösung (zwei Prozent) oder Wasser-Alkohol-Mischungen. Ein bis fünf Minuten dümpelt der Film in diesen Bädern, dann wird er im Dunkeln getrocknet und anschließend entwickelt.

1955 fanden Eggers und Frieser heraus, dass bei empfindlichkeitssteigernden Doppelbelichtungen der erste Lichtblick weniger als eine Zehntelsekunde, die zweite Belichtung jedoch länger als hundert Sekunden dauern soll. Um bei dem hochempfindlichen T-max P 3200 entsprechend lange Zeiten ohne verheerenden Schleier zu erreichen, bedarf es einer sehr schwachen Lichtquelle. Geeignet ist die gute alte Pangrünbirne, eine grün abgetönte Glühbirne für Dunkelkammerzwecke. Sie erweckt mehr die Illusion einer Illumination, erst nach einer Gewöhnungszeit von zehn Minuten sieht man die Hand vor Augen.

Die Birne wurde in einer Lampenfassung ohne Reflektor rund 30 Zentimeter unterhalb der weißen Zimmerdecke angebracht, der Film hing rund 1.3 Meter davon entfernt, mit der Schicht zur Lampe. Als Ersatz diente uns teilweise eine selbstgebaute LED-Lampe hinter einer Wallner-Kalotte (rund 15 Mark); die Leuchtdiode wurde am Boden einer Kodak-Filmdose mit Vorwiderstand (4.7 Kilo-Ohm) montiert. Der Strom kam aus einer Neun-Volt-Batterie. Als Leuchtdiode eignet sich jede normale grüne LED mit drei oder fünf Millimeter Durchmesser, zum Beispiel CQV 45-4 von Siemens oder CQX 86N oder CQY 72 von Telefunken oder auch andere Fabrikate. Verwenden Sie keine Low-Current- oder superhellen LEDs.

Achten Sie auf die richtige Polung: Das längere Anschlussbeinchen verbinden Sie mit dem Minuspol, das kürzere über den Vorwiderstand mit dem Pluspol. Bei falscher Polung leuchtet die LED nicht. Kürzere Filmstücke können auch im Kontrollstreifenprinter von Jobo nachbelichtet werden. Drehen Sie die Schichtseite nach oben und decken Sie den Film mit einer Glasplatte ab. Die Birne sollte mittig über dem Film platziert werden. Belichtete Filmstreifen und Sensitometerkeile wurden nun zehn, zwanzig und vierzig Minuten lang nachbelichtet. In Ultrafin Plus bei 26°C 8.5 Minuten lang entwickelt, müssten sie zeigen, was an Empfindlichkeit dazugekommen war.

Die 40minütige Zusatzbelichtung brachte einen Anstieg auf fast 36.5 DIN. Der Filmstreifen selbst sieht allerdings verschleiert aus. Doch sogar mit einem Schleier-Zuwachs von 0.3 D gegenüber einer konventionellen Belichtung liefert der T-max P 3200 noch gute Ergebnisse. Denn die Nachbelichtung macht die Schwärzungskurve flacher; der etwas weichere Film kann damit auf härteres Papier vergrößert werden, ohne dass die Lichter ausfressen. Das kommt der Empfindlichkeitssteigerung zusätzlich entgegen, da härteres Papier Dichteunterschiede stärker differenziert und dadurch die Schattenzeichnung verbessert. Die 40minütige Nachbelichtung drückt den Betawert von fast 1.00 auf unter 0.70 und macht den Film fast normal kopierbar. Bilder, die mit 42 DIN belichtet wurden, zeigten es deutlich: mehr Zeichnung in den Schatten, keine grellen Lichter. Gegenüber einem normal entwickelten Film mit dem gleichen Beta holen wir 5.5 DIN, also fast zwei Blenden, heraus. Selbst Versuche mit 45 DIN bringen brauchbare Abzüge. Die Zusatzbelichtung steigert nur die Empfindlichkeit bei herabgesetztem Betawert, ohne Körnigkeit und Schärfe anzugreifen, da die Entwicklung gleich bleibt. Allerdings macht die 40minütige Zusatzbelichtung viel Aufwand und ist nicht ohne Risiko für die mit wichtigen Bildern belichtete Emulsion.

Der T-max P-3200 in der Nachbelichtung

Stufe  Entwickl.(min)  Nachbelichtung(min)  DIN   Beta
P1        5.5                 -             32.5  0.75
P2        8.5                 0             34.0  0.97
P2        8.5                10             35.0  0.88
P2        8.5                20             35.7  0.82
P2        8.5                40             36.5  0.67