Kolumne

Kleine Tipps, die das (fotografische) Leben erleichtern


Thomas Wollstein
November 2003


Teil 1: Bei der Aufnahme
Dieser Artikel stellt das zusammen, was die Engländer „Odds and Ends“ nennen, einen Haufen kleiner, von mir als nützlich betrachteter Tipps und Tricks, die einzeln nicht für eigene Kolumnenbeiträge reichen. Bestimmt gibt es noch viele weitere solche Tipps. Wenn Sie der Meinung sind, ich hätte etwas ganz Nützliches vergessen, schicken Sie mir eine Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Nachlegen kann man immer.

Haltung bewahren! (Wie lange belichtet wird aus der Hand noch scharf?)
Eigentlich sollte es sich schon herumgesprochen haben: Die so ziemlich unergonomischste Kamerahaltung, mithin auch die Kamerahaltung, bei der es am schwierigsten ist, überhaupt unverwackelte Fotos zu bekommen, ist die übliche mit der Kamera vor dem Gesicht. Die Kamera befindet sich am oberen Ende einer hin- und herpendelnden Konstruktion (Gemeint ist der Fotograf.), der in einer absolut unbequemen Haltung mit meist krummem Rücken und verkrampften Armen da steht. Verkrampfte Muskeln zittern, und so wundert es nicht, dass viele Kollegen z.B. mit einer Normalbrennweite wirklich scharfe Fotos nicht ab dem durch die bekannte Faustregel vorgegebenen Grenzwert von 1/60 s hinbekommen, sondern sicher erst ab 1/250 s.

Wie anders sieht das bei einem Schachtsucher aus, wie ihn z.B. meine alte Rolleiflex oder in Form des Displays meine modernere (allerdings auch schon wieder veraltete) Nikon Cooplix hat. Mit diesen beiden Geräten habe ich schon unerwartet scharfe Fotos mit Zeiten von 1/15 s frei aus der Hand geschossen. In einigen alten Büchern werden zu Recht für verschiedene Fotografierhaltungen unterschiedliche Grenzwerte für die längste ohne Stativ zu haltende Verschlusszeit angegeben. Für eine Kamera, die man vor dem Bauch hält, möglichst mit dem Trageriemen um den Hals, werden erheblich längere Zeiten angegeben als für eine Kamera vor dem Gesicht. Zwei Blendenstufen Unterschied sind gängig. Halten Sie den Trageriemen leicht gespannt, aber nicht so sehr, dass Sie anfangen zu zittern. Sie werden sehen, Sie kommen mit wesentlich längeren Zeit davon als sonst. Dass es nicht immer gut geht, ist klar, aber stabiler als die übliche Haltung ist diese allemal.

Ungünstig in Bezug auf mäßig lange Zeiten – ich meine 1/30 s und länger – sind einäugige Spiegelreflexkameras. Wenn wir „zielen“, passiert folgendes: Das Auge registriert im Sucher eine Abweichung von der Sollposition, und das Gehirn sagt dem Bewegungsapparat, was er zu tun hat, um das auszugleichen. Während der eigentlichen Belichtung ist aber bei einer einäugigen Spiegelreflexkamera das Sucherbild futsch, was bedeutet, dass die Korrekturinformationen fehlen. Abweichungen werden nicht mehr korrigiert. Daher wissen Available-Light-Profis schon lange, dass Sucherkameras i.Allg. sicherer bei solchen Zeiten zu halten sind. Helfen können Sie sich natürlich auch, indem Sie auch auf eine SLR (= Single-Lens Reflex oder einäugige Spiegelreflexkamera) einen Aufstecksucher packen und durch diesen zielen. (Leider sind Aufstecksucher aber meist nicht eben preiswert.)

Überhaupt ist „aus der Hand“ nicht gleich „aus der Hand“. Wenn Sie sich an einer Wand anlehnen, bringt das eine Menge Stabilität, ich würde schätzen, dass sich so mindestens eine Stufe länger aus der Hand halten lässt. Noch besser, wenn Sie statt Ihres Körpers gleich Ihre Kamera anlehnen. Ich habe schon Aufnahmen bis zu 1 s scharf hinbekommen, indem ich meine Kamera an eine Häuserwand oder einen Laternenpfahl gehalten habe. Und auf einer Mauer steht eine Kamera fast ebenso sicher wie auf einem Stativ. Wenn Sie sicherstellen wollen, dass Ihr gutes Stück keinen Kratzer bekommt, legen Sie ein Kleidungsstück, eine Plastiktüte (für Umweltbewusste tut’s auch ein Baumwollbeutel) oder ein Kleidungsstück darunter. Aber aufgepasst: Machen Sie’s nicht zu weich, sonst ist ein Teil des stabilisierenden Effekts wieder dahin. Zweck ist es ja, die Kamera unbeweglich zu machen, und auf einem weichen Kissen ist sie noch beweglich.

Gute Dienste kann ein so genanntes Tischstativ leisten. Je nach Konstruktion können Sie damit Ihre Kamera wesentlich freier (und im Hinblick auf Kratzer angstfreier) auf und an allen möglichen anderen Dingen anlehnen. Zu guter letzt lassen sich solche Stative auch nutzbringend als Schulter- oder Bruststative einsetzen.

Ein Stativ für die, die nicht gern schleppen: das Schnurstativ
Nachgerade genial ist das Schnurstativ. Ein erfindungsreicher Niederländer beschreibt unter http://www.xs4all.nl/~wiskerke/artikelen/touw.html das Touwtjesstatief (= Schnurstativ). Auch das ist eigentlich keine neue Erfindung, sondern wird schon seit Jahrzehnten in Fotobüchern gepredigt. Besorgen Sie sich einfach für ein paar Euro eine Stativschraube und befestigen Sie an dieser ein hinreichend langes Stück solider Kordel. Sie können die Schraube (meist ist sie aus weichem Aluminium) dazu durchbohren, oder Sie klemmen einfach das Stück Kordel mit der Schraube am Kameragehäuse fest. Bei der Aufnahme lassen Sie nun einfach das Stück Schnur auf den Boden hängen, treten mit einem Fuß darauf, spannen die Schnur leicht, nehmen Ihrerseits eine entspannte Haltung ein und los geht's. Sie werden staunen, was das bringt. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass so mit guter Erfolgswahrscheinlichkeit eine um den Faktor vier (entspricht zwei Blendenstufen) längere Zeit gehalten werden kann als freihändig.

Eine raffinierte Verfeinerung dieses Stativs ist das Schnur-Zweibein (siehe genannte Web-Seite): Benutzen Sie ein hinreichend langes Stück Kordel, dessen Enden Sie zusammengeknotet haben, so dass ein Ring entsteht. Der muss so groß sein, dass Sie mit beiden Füßen darin stehen können und die Kamera in angehobenem Zustand auch noch in den Kordelring passt. Sie erzeugen so ein Dreieck, an dessen unteren Ecken sich Ihre Füße und an dessen Spitze sich die Kamera befindet. Die Kamera hat jetzt noch weniger Bewegungsmöglichkeiten als beim einfachen Schnurstativ. Sie brauchen hierzu nicht einmal eine Stativschraube, denn Sie können einfach die Kordel über die Kamera legen. (Nur sauber und trocken sollte sie an der Stelle sein.) Auch hier gilt wieder: Kordel leicht spannen, sich selber möglichst weitgehend entspannen.

IR-Fotografie
Fehlersuche durch Kontrollaufnahme ohne Filter
Es ist eine der unvermeidbaren Tücken der IR-Fotografie, dass die Aufnahmen mit "Licht" gemacht werden, dass wir nicht sehen. Dieses Licht müssen wir, um richtig belichten zu können, auch noch messen. Viele Belichtungsmesser sind für IR ebenso blind wie ihre Besitzer, und wenn ein Belichtungsmesser IR misst, ist immer noch die Frage, worauf Sie damit zielen. Bleibt also nichts übrig, als den teuren und hochpräzisen Belichtungsmesser als grobes Schätzeisen zu verstehen und, wie es im Datenblatt zu Kodaks HIE heißt, „umfangreiche Belichtungsreihen“ durchzuführen. Dennoch misslingen IR-Aufnahmen oft, und dann möchte man, um nicht teuren Film für nichts verschwendet zu haben, wenigstens die Fehlerursache wissen. In diesem Zusammenhang möchte ich einen Tipp weitergeben, für den – so ein IR-Fotografenkollege, dessen Namen mir entfallen ist – Herr Schröder von MACO eines Tages in den Himmel kommen könnte:

Jeder IR-Film ist auch für sichtbares Licht empfindlich. (Das ist ja der Grund für die Filterei, siehe meine Beiträge zur IR-Fotografie unter IR-Fotografie-1IR-Fotografie-2 und IR-Fotografie-3. Das lässt sich trefflich für eine Kontrollaufnahme nutzen. Nach einer Belichtungsreihe mit Filter nehmen Sie noch eine Aufnahme ohne Filter auf, wobei Sie den Film mit der Nennempfindlichkeit für sichtbares Licht belichten. Wenn Sie den Film dann entwickeln, kann Ihnen eine solche Kontrollaufnahme eine ganze Reihe von Fehlern aufzeigen, z. B. Unterentwicklung (Entwickler überlagert?), bestimmte Kamera-Fehlfunktionen usw. Eine solche Kontrollaufnahme ist wesentlich besser zu beurteilen als etwa die auf dem Filmrand einbelichteten Filmnummern.

Erfahrungsgemäß können Sie bei den gängigen IR-Filmen für ungefilterte Aufnahmen von folgenden Empfindlichkeiten ausgehen:

Film

ungefähre Empfindlichkeit für sichtbares Licht

Ilford SFX 2)

200/24°

Kodak HIE

200/24° bis 400/27°

Konica IR 750

50/18°

MACO AURA 1)

100/21°

MACO CUBE 400c 2)

400/27°

MACO IR 750c

100/21°

MACO IR 820c

100/21°

1) Bei diesem Film handelt es sich um MACO IR 820c ohne Lichthofschutzschicht. Er ist nur als Planfilm und Rollfilm 120 verfügbar.
2) Diese Filme sind nur verhältnismäßig wenig in den IR-Bereich hinein sensiblisiert und daher nur eingeschränkt als „IR-Filme“ zu nutzen.

Von der Küche in die Kamera: Alu-Folie als "IR-Lichtverstärker"
Eine unangenehme Konsequenz des Filterns mit undurchsichtigen oder fast undurchsichtigen Filtern besteht darin, dass die nutzbare Empfindlichkeit des Films in Bereiche abrutscht, die zwingend die Verwendung eines Stativs erforderlich machen. So hat z.B. ein MACO IR 820c, wenn man ihn zur Erzielung eines ausgeprägten IR-Effekts mit einen undurchsichtigen IR-Filter (z. B. RG 715) nutzt, nur noch eine effektive Empfindlichkeit um magere ISO 12/12° herum. (Die genaue effektive Empfindlichkeit hängt sehr vom gewünschten Effekt und der entsprechenden Entwicklung ab.) Selbst die (für einen IR-Film) wirklich hohe Empfindlichkeit des Kodak HIE schrumpftbei Verwendung eines 87er Filters auf Werte um ISO 50/18°. Daher war mein Staunen groß, als ich in einem auf IR-Fotografie spezialisierten Forum einen Thread unter der Überschrift "HIE bei ISO 1000" fand. Der Trick dahinter ist einfach: Bei einigen Kameras kommt es bei Verwendung von Kodak HIE zur Abbildung des Musters der Filmandruckplatte im Negativ. Das liegt daran, dass Licht durch den Film dringt, dank des Fehlens der Lichthofschutzschicht beim HIE auf die Andruckplatte trifft und von dieser zurück zum Film reflektiert wird. Abhilfe schafft bei einem solchen Problem oft ein Stück schwarzes Papier (z. B. das Schutzpapier von Rollfilmen), das über die Andruckplatte geklebt wird. (Probieren Sie aber aus, ob es damit nicht zu eng in der Filmführung wird! Es kann sein, dass der Filmtransport zu schwergängig wird.)

Die meist unerwünschte Reflexion an der Andruckplatte kann man aber auch verstärken und dann nutzen: Wenn Sie die Filmandruckplatte mit Aluminiumfolie überkleben, verstärken Sie die Reflexion. So richtig stark wird der Effekt nur bei den Filmen sein, die keine Lichthofschutzschicht aufweisen, also besagtem Kodak HIE und MACO AURA. (Bei den anderen Filmen verhindert die Lichthofschutzschicht, dass noch Restlicht die Andruckplatte erreicht.) Die Reflexion an der Folie führt zu einer Erhöhung der effektiven Empfindlichkeit und verstärkt die Halo-Effekte deutlich.

Bevor Sie in ungebremsten Jubel ausbrechen, bedenken Sie aber folgendes: Die Folie verstärkt nur den Kontrast (und damit die effektive Empfindlichkeit), nicht aber die echte (durch die Schattendichte bestimmte) Empfindlichkeit, denn schwaches Licht wird völlig von der Emulsion geschluckt und erreicht die Andruckplatte gar nicht erst. D.h. die Schattendichte wird durch die Alu-Folie nicht nennenswert zunehmen, also auch nicht die echte Empfindlichkeit. Aber im Ausgleich können Sie bei gleich starkem oder stärkerem Halo-Effekt kürzer entwickeln, was Ihnen feineres Korn einbringt.

Polaroid-Kamera im Eigenbau

Profis verwenden oft zur Kontrolle Ihrer Lichtführung ein Polaroid-Rückenteil. Nun passt ein solches nicht an jede Kamera, und nicht jeder will sich eine ausgewachsene Polaroid-Kamera leisten. Einen funktionierenden Ersatz kann man leicht mithilfe eines gebraucht erstandenen Polaroid-Rückenteils aus einer für'n Appel und 'n Ei erstandenen alten Rollfilm- oder Plattenkamera selber bauen. Mit etwas bastlerischem Geschick lässt sich das Rückenteil an eine solche alte Möhre ankleben.

Grüße von Herrn Schwarzschild

Bis hin zu Belichtungszeiten von 1 s ist ja alles prima: 1 Blendenschritt schließen = doppelt so lange belichten. Ab bei 1 s fängt es an, unangenehm zu werden. Man muss rechnen. Die Filmhersteller geben mitunter für ihre Filme in den Datenblättern Verlängerungsfaktoren an, die mir z.B. sagen, dass ich bei einer Zeit von 2 s nach Belichtungsmesser tatsächlich 4 s belichten muss, wenn ich 10 messe, tatsächlich 30 s usw. So weit, so gut. Was aber, wenn ich jetzt auch noch Belichtungsreihen aufnehmen möchte? (Denn die Messerei bei Nacht ist nicht ohne.) Dann muss ich für die Aufnahme mit Bl. 11, 4 s nach Belichtungsmesser mit einem anderen Faktor verlängern die mit Bl. 11, 8 s. Einfacher wird’s, wenn man statt einer Zeit-Belichtungsreihe eine mit Hilfe der Blende aufnimmt: Ich rechne einmal aus, dass die 4 s nach Schwarzschild-Korrektur vielleicht 10 sind, danach belichte ich mit Bl. 11, 4 s, Bl. 8, 10 s und Bl. 5,6, 10 s. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich die Schärfentiefe nicht brauche. Ist Bl. 11 zwingend erforderlich, bleibt nur die Rechnerei.

Ein weiterer Pferdefuß bei den langen Belichtungen (der auch dafür spricht, die Blende zu öffnen, und nicht die Zeit zu verlängern) liegt darin, dass die Filme zur Aufsteilung neigen. Die Schatten sind möglicherweise längst im Bereich so schwacher Belichtungen, dass der Schwarzschild-Effekt in voller Stärke zuschlägt, aber die Lichter liegen noch im Bereich „ziviler“ Belichtungen. Dann werden bei der Schwarzschild-korrigierten Belichtung die Lichter ziemlich überbelichtet. Die meisten Langzeitaufnahmen profitieren daher von einer ausgleichenden Entwicklung.

Wenn Sie übrigens die Datenblätter z.B. von Ilford anschauen, werden Sie vielleicht bemerken, dass die angegebenen Schwarzschildkorrekturen für alle Filme, vom Pan F bis hin zum Delta 3200 dieselben sind. Kodak macht es ähnlich. Das – das wurde in einem Artikel in der Photo Techniques dieses Jahr an Beispielen nachgewiesen – ist nicht korrekt. Moderne Filme haben dünnere Schichten als ältere, und das ist möglicherweise der Grund dafür, dass die Schwarzschild-Korrekturen bei modernen Filmen viel kleiner ausfallen als bei den Vorläufern. Eindrucksvoll demonstriert das Fuji mit dem Neopan 100 ACROS, der bis einschließlich 2 min (!) Belichtungszeit keine Korrektur benötigt. Betrachten Sie solche Tabellen also nur als Orientierung, nicht als exaktes Wissen. Dass die Filmhersteller damit wegkommen, liegt nur daran, dass aufgrund der nicht ganz einfachen Messsituation kaum ein Fotograf mit Bestimmtheit zu sagen vermag, dass der Fehler beim Filmhersteller lag und nicht bei ihm selber.